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Schicksalsjahr für Athen: Das verzagte Land

"Deutsche bitte aussteigen." Diese Aufforderung kann uns in einem Athener Taxi treffen. Das deutsch-griechische Verhältnis gleicht einem Trümmerfeld. Dabei hätten die Griechen Anlass, 2013 Hoffnung zu schöpfen.

Was kommt 2013? Für die Griechen geht es 2013 um alles.
Was kommt 2013? Für die Griechen geht es 2013 um alles.

Athen„Καλες εορτες“, „Frohe Feiertage“ wünschte mir meine Nachbarin Panagiota, als ich ihr heute im Aufzug begegnete. Aber wirklich fröhlich wirkte Panagiota nicht. Der Gruß klang eher ironisch, wie „...schöne Bescherung!“ Vor zwei Monaten hat Panagiota ihren Job in einer Athener Modeboutique verloren, der Laden musste aufgeben – eine von rund 70.000 Pleiten im griechischen Einzelhandel seit Januar 2011. Auf der Stadiou Straße, früher eine der belebtesten Einkaufsmeilen Athens, steht fast die Hälfte aller Läden leer.

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Panagiota ist 48. Chancen auf einen neuen Job hat sie kaum. Die vierköpfige Familie lebt jetzt vom Gehalt des Vaters. Er ist Beamter im griechischen Außenministerium und verdient 1.159 Euro netto im Monat. „Wir kommen nur über die Runden, weil unsere Eltern etwas von ihrer Rente für uns abzweigen“, sagt Panagiota. Doch auch die Alten haben immer weniger: Im Zug der jüngsten Sparbeschlüsse wird ihre Rente jetzt erneut um zehn Prozent geschmälert. Es ist bereits die vierte Kürzung seit Beginn der Krise.

Was das neue Griechenland-Hilfspaket kostet

  • Was muss Deutschland gegenüber dem März-Programm nachschießen?

    Im kommenden Jahr wird der Haushalt um zusätzliche 730 Millionen Euro belastet. Schäuble und seine Kollegen kommen Athen vor allem in zwei Punkten entgegen: Zunächst werden die Zinsen für die laufenden Notkredite gesenkt und die EFSF-Kredite über 2020 hinaus gestundet. Die Ersparnis für Athen: fünf Milliarden Euro bis 2014. Die Mindereinnahmen für den Bund: 130 Millionen Euro pro Jahr. Zum zweiten werden Gewinne, die die Zentralbanken durch den Kauf von Staatsanleihen erzielen, nicht länger einbehalten, sondern an Athen weitergereicht. Das Ersparnis für Hellas bis 2014: 4,1 Milliarden Euro. Der Verlust für den Bund: 599 Millionen Euro im nächsten Jahr und 2,7 Milliarden Euro insgesamt bis 2030. Und ein Großteil muss vom Bund wirklich bezahlt werden - weil die Bundesbank nur einen geringen Teil ihrer eigentlichen Gewinne in Schäubles Budget weiterleitet.

  • Ist damit denn der Schuldenverzicht der deutschen Steuerzahler vom Tisch?

    Im Gegenteil: Zwar soll Athens Finanzbedarf bis 2014 ohne Aufstockung der Kredite des bisherigen Rettungsprogramms gedeckt werden. Zugleich hat sich die Eurogruppe aber dazu bekannt, "weitere Maßnahmen und Hilfen in Betracht zu ziehen", wenn in zwei Jahren die Schuldentragfähigkeit des Landes noch nicht näher gerückt ist. Die Bedingung: Das Land muss bis dahin einen deutlichen Primärüberschuss erreichen, also ein Haushaltsplus ohne Schuldendienst. Denn dann könnte Athen seine Rechnungen ohne neue Notkredite bezahlen, und es wäre "eine andere Rechtsgrundlage" als heute gegeben, wie Schäuble formuliert.

    Der Hintergrund: So lange neue Kredite fließen, dürfen die Euro-Partner nicht zugleich auf eine Rückzahlung verzichten. Ist (vorerst) alles überwiesen, dann entfällt die rechtliche Hürde für den Schnitt. "Wir gehen schrittweise vor", sagt Schäuble. Das Ziel mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ist vereinbart: Die Schuldenquote von knapp 190 Prozent der Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr bis 2016 auf 175 Prozent und bis 2022 auf "deutlich unter" 110 Prozent zu drücken. Ohne Erlass - so sind sich viele Fachleute einig - wird das nicht gelingen. Die Griechenlandrettung bleibe "ein Fass ohne Boden", mahnt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

  • Wie wird den Griechen noch geholfen?

    Der neue Rettungsplan sieht vor, dass das Land für 10,2 Milliarden Euro Kredite von Privatinvestoren zurückkauft, und zwar zum Marktpreis von rund 30 Prozent des Nennwertes. Die Hoffnung: Ein Großteil der Investoren lässt sich darauf ein, und Griechenland kann rund 20 Milliarden Euro seiner Schulden durch den Rückkauf "löschen". Damit könnte der Berg auf einen Schlag um einen Anteil von zehn Prozent der Wirtschaftsleistung abgetragen werden.

    Der Haken: Die Privatgläubiger - vor allem griechische Banken - müssten Schuldscheine im Wert von 100 Euro für 30 Euro an Athen verkaufen - und den Verlust abhaken. "Warum sollten sie?", fragt sich ING-Analyst Carsten Brzeski. Schließlich seien Banken und Fonds schon beim ersten Schuldenschnitt im Frühjahr "gemolken" worden. Allerdings haben viele Hedgefonds genau darauf spekuliert. Sie haben sich Papiere zu noch viel niedrigeren Preisen gekauft - und können sie jetzt mit Gewinn an Athen zurück verscherbeln.

  • Warum wird den Hellenen jetzt noch stärker unter die Arme gegriffen?

    Da ist zum einen die Belohnung für große Leistungen in Griechenland: Das Haushaltssaldo wurde gegenüber 2009 um zwei Drittel auf gut 13 Milliarden Euro gekürzt. Die Verwaltung wurde modernisiert, die Steuereinziehung verbessert, das Rentenalter auf 67 Jahre angehoben, der Mindestlohn gesenkt und die Lohnstückkosten hart gedrückt. Alle Vorleistungen wurden erfüllt, attestiert die Troika in ihrem Zeugnis. Darüber hinaus gibt es einen tieferen Grund: Ein Stopp der Griechenland-Rettung könnte die Eurozone noch immer ins Chaos stürzen, fürchtet man in Berlin, Paris und Brüssel. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen will niemand verantworten.

  • Welche Kröten müssen die Hellenen für die neue Hilfe schlucken?

    Neben weiteren Strukturreformen muss Athen auch weitere Souveränität abgeben: Die Rückflüsse aus den Notenbankgewinnen, 30 Prozent des Haushaltsüberschusses und alle Privatisierungserlöse müssen auf ein Sperrkonto eingezahlt werden, von dem nur Schulden bedient werden dürfen. Außerdem wird es eine permanente Troika-Kontrolle geben. Und für alle Ministerien wurde ein Ausgabendeckel eingerichtet, der den finanziellen Spielraum drastisch einschränkt. Wegen der bitteren Pillen hofft Schäuble, dass die anderen Programmländer, Portugal und Irland, nun nicht die gleichen Zugeständnisse der Euro-Partner einfordern werden.

Was hinter ihnen liegt, wissen die Griechen: 2012 war wirtschaftlich das schwärzeste Jahr seit Kriegsende. Die Arbeitslosigkeit erreichte einen neuen Rekord. Von den elf Millionen Griechen haben nur noch 3,7 Millionen einen Job. Jetzt geht das Land ins sechste Jahr der Rezession – und die Menschen fragen sich: Was bringt 2013?

Die Stimmung ist gedrückt. Fast sieben von zehn Griechen, so eine aktuelle Eurobarometer-Umfrage, sind unzufrieden mit ihrem Leben, acht von zehn sehen ihr Land „auf dem falschen Weg“. Nur sechs von Hundert glauben, dass sich die Lage in den kommenden zwölf Monaten bessern wird.

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Griechenland: Wer wenig hat, hat nichts zu verlieren

Aber es gibt Momente, da schöpft man wieder Hoffnung. Wenn etwa, wie jetzt, die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) Griechenlands Bonität von „SD“ (Selective Default) um gleich sechs Stufen auf „B-„ heraufsetzt. So hoch wurde Griechenlands Kreditwürdigkeit zuletzt im Juni 2011 bewertet. Auch mit dem jetzt angehobenen Rating bleiben Griechen-Bonds hochspekulative Anlagen. Vom „Investmentgrade“, der Liga der sicheren oder durchschnittlich guten Anlagen, trennen das Land bei S&P noch weitere sechs Stufen. Aber immerhin fassen die Anleger wieder etwas Hoffnung. Abzulesen ist das daran, dass die Rendite der griechischen Zehnjahresanleihe jetzt auf den tiefsten Stand seit März 2011 fiel. Nachdem sie noch im Sommer bei 30 Prozent gelegen hatte, beträgt sie aktuell 10,3 Prozent.

  • 09.01.2013, 11:32 UhrGaishirtle

    Habe an der Stelle auf Seite 1, an dem die Aufwertung griechischer Anleihen durch S&P als Hoffungszeichen für die notleidende Bevölkerung dargestellt wurde, gleich auf den Kommentarbereich gewechselt.
    War wohl sinnvoll, den Artikel nicht zu Ende zu lesen.

  • 29.12.2012, 15:27 UhrDelinix

    @ DenPasNaGamithis
    Haben Sie sonst keine Probleme?
    Viel schlimmer ist doch, dass man Herrn Höhler wieder nur das nackte Gehalt genannt hat – lieber Herr Höhler, addieren Sie bitte noch die unzähligen Zulagen und die Sozialzulage (EKAS heißt sie bei den Beamten) hinzu, die wie selbstverständlich allen arbeitenden Griechen, ob verbeamtet oder nicht, gezahlt wird. Es ist eine Art Sozialhilfe für alle. Sie geben einfach an, dass Ihr Gehalt nicht ausreicht und – schwupp – schon kommt die Sozialzulage. Ab da kommt sie von allein, sie braucht nicht einmal erneut beantragt zu werden und es kontrolliert auch niemand, ob Sie dieses Geld auch wirklich brauchen.
    Wie lange sind Sie jetzt in GR? 30 Jahre? Ein Beamter in einem Ministerium und nur 1.160,-€ netto? Da verdient ja schon die Putzfrau im gleichen Gebäude mehr!
    Ja – es stimmt, die Gehälter sind gekürzt worden. Aber gerade bei den Beamten geschah dies nur minimal. Verglichen mit dem Rest der EU lebt der griechische Beamte noch immer auf keinem schlechten Niveau – ob sich das GR mit seinem Mangel an Produktivität überhaupt leisten kann, davon will ich gar nicht reden. Das Dilemma der Beamten ist NICHT die Kürzung, sondern die vielen Raten sind es. UND die Tatsache, dass der Staat die Bediensteten oft MONATELANG gar nicht bezahlt hat, um die Zahlen vor der Troika zu schönen. Das Geld wird aber nachgezahlt, sobald die nächste Hilfs-Rate fließt.
    Sie können ziemlich sicher sein, dass Panagiotas Mann zu den sehr gut verdienenden gehört. Er hatte jahrelang die Gelegenheit, sich etwas zurück zu legen – und hat es wahrscheinlich auch getan. Aber Klappern gehört ja auch zum Handwerk, nicht wahr?
    Bitte hinterfragen Sie doch demnächst einfach alle Gehaltsangaben. Fragen Sie: wie hoch sind die Zulagen insgesamt? Wie oft kommt dieses Gehalt? Wie oft kommen die Zulagen?

  • 29.12.2012, 08:15 UhrG.N.

    Die EU ist gewissermaßen auch ein Taxi und die Deutschen sitzen nun mal am Steuer.
    Das bezweifele ich.
    DIE DEUTSCHEN wurden zur Zugehörigkeit zur EU noch NIE befragt.
    Und in dem Taxi, dass europaweit gegen die Wand fährt, sitzen DIE DEUTSCHEN auch nicht, sondern sie werden verurteilt, den Sachschaden danach bis auf ewig zu begleichen!!!!
    Deswegen stehen sie vollkommen entrechtet daneben und müssen mit ansehen, wie ihr Volksvermögen gegen alle Vernunft von skrupellosen, machtgierigen Verbrechern zugunsten einer winzigen Klientel verschleudert wird!
    Aber das wird sich eines Tages bitter rächen!

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