Schicksalswahl in Italien: „Wir holen uns das Land zurück“

Schicksalswahl in Italien„Wir holen uns das Land zurück“

Die zweitägige Parlamentswahl in Italien hat begonnen. Zuletzt hatte sich Berlusconi schwach gezeigt, Populist Grillo triumphierte. Die meisten Experten fürchten nichts mehr als eine Pattsituation.
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Rom„Wir schicken sie alle nach Hause“, brüllte der Komiker Beppe Grillo am Ende ins Mikro, „wir holen uns das Land zurück“. Und seine Anhänger auf der großen Piazza San Giovanni in Rom jubelten. In der Hauptstadt endete die „Tsunami-Tour“ des Populisten aus Genua, der als einziger im Winterwahlkampf Großveranstaltungen im Freuen gemacht hatte. Im Livestream und in allen Nachrichtensendungen war der Schlussauftritt des Anführers der Bewegung „5stelle“ am Freitagabend zu verfolgen.

In den offiziellen Meinungsumfragen hatte der Sozialdemokrat Pier Luigi Bersani mit etwa einem Drittel der Stimmen vorne gelegen. Schärfster Konkurrent ist der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit etwa 28 Prozent in Umfragen. Auf Rang drei lag Grillo bei etwa 17 Prozent. Montis Parteienbündnis erreichte in Umfragen nur 13 Prozent. In späteren Umfragen, die nur noch unter der Hand zirkulieren, hatte sich Grillo aber schon vor Berlusconi und seine Pdl auf Platz 2 geschoben.

Damit steigt die Sorge, dass es kein eindeutiges Ergebnis gibt bei den Parlamentswahlen am Sonntag und Montag. Denn wenn Grillo mit vielen Abgeordneten in das Parlament einzieht, werden die Spielregeln des Koalierens außer Kraft gesetzt. Seine Kandidaten sind zudem Politikneulinge und müssen das parlamentarische System noch lernen. Schlimmer wiegt, dass Grillo programmatisch im Prinzip gegen alles ist, also Protest statt Inhalt verkauft. Eine Kostprobe seines Stils: „Die italienischen Journalisten sind alle Faschisten, denen streichen wir als erstes das Geld, wenn wir gewinnen.“

Auch Silvio Berlusconi teilte aus. Dieser „außerordentliche Hanswurst“ namens Grillo werde noch der PD zum Sieg verhelfen, sagte er und dass die PD „unmenschlich und grausam“ sei. Aber er wirkte angeschlagen. Wegen einer von drei Medizinprofessoren attestierten Bindehautentzündung kam er nicht nach Neapel zur Abschlusskundgebung der Pdl, sondern ließ sich per Videobotschaft zuschalten. Ein halbe Stunde später war er dann im Fernsehen und wetterte gegen die „deutsche Rosskur“, die Italien in die Rezession gebracht habe.

Statt eines TV-Duells traten die drei Kandidaten Berlusconi, Bersani und Monti nacheinander in RAI2 auf, die Reihenfolge war ausgelost, jeder hatte 40 Minuten und wurde jeweils von vier Journalisten befragt. Auch Bersani und Monti hatten vorher ihre Anhängerschaft noch einmal eingeschworen. PD-Chef Bersani holte in einem Theater in Rom den bekannten Regisseur Nanni Moretti auf die Bühne, der ihm Unterstützung zusagte,  und rief: „mit Grillo hat Italien ab Montag ein Schicksal wie Griechenland vor sich“.

Mario Monti, der Chef der Techniker-Regierung, die in etwas mehr als einem Jahr einen harten Sanierungskurs durchgezogen hatte, blieb sich treu. In Florenz sprach er vor seinen Anhängern aus der Zivilgesellschaft  von seiner Sorge um die Durchsetzung der Strukturreformen und kündigte im Fall eines Sieges ein „Notfallpaket“ für mehr Beschäftigung an. Doch den ganzen Wahlkampf über war der „Professore“ nicht so gut wie als Premier, politische Rhetorik und das entsprechende Temperament scheinen ihm nicht zu liegen. Ob er mit seiner korrekten, aber eher langweiligen Art bei den vielen jungen Erstwählern eine Chance hat? Vielleicht hätte er lieber der Wirtschaftsexperte und Techniker bleiben sollen, der darauf wartet, dass er wieder gerufen wird, heißt es heute im Leitartikel der Turiner „La Stampa“.

Mehr als 47 Millionen Italiener sind aufgerufen, ein neues Abgeordnetenhaus und einen neuen Senat zu wählen. Die Wahllokale schließen am Sonntagabend um 22 Uhr, am Montag wird die Abstimmung fortgesetzt. Erste Ergebnisse werden für Montagnachmittag nach der endgültigen Schließung der Wahllokale um 15 Uhr erwartet.

Erst wird der Senat ausgezählt, die zweite Kammer, die regional besetzt wird. In drei Regionen, Lombardei, Latium und Molise, werden auch die Regionalparlamente neu gewählt. Die Lombardei entsendet am meisten Senatoren nach Rom, dazu kommt das Wahlsystem, das dem Sieger der jeweiligen Region einen Bonus von 55 Prozent gewährt. Das Wahlergebnis kann also an den Stimmen des Nordens hängen. Das „Ohio Italiens“ wird in Anspielung auf die Wahlen in USA deshalb die Lombardei genannt. Ein aussagekräftiges Ergebnis gibt es erst spät in der Nacht.   


Kommentare zu " Schicksalswahl in Italien: „Wir holen uns das Land zurück“"

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  • Was die Angst betrifft: wie würden Sie denn empfinden, wenn es Wahlen in Italien gibt, Krawalle in Madrid (auch wenn es nicht in den Nachrichten erscheint) mit stiegender Oppositionsstärke, da ja auch die Skandale nicht aufhören, überall die Anti-EU Rensentiments steigen und die sozialistischen Regierungen in einigen Ländern überhaupt keinen Bock mehr zum Sparen haben, so dass sich ein Show-Down zwischen zahlenden und nehmenden Ländern immer deutlicher abzeichnet?

    Könnte es sein, dass man zwar ein Pokerface aufsetzt, doch das Brökeln an allen Ecken doch ersichtlich ist? In Italien hat Monti momentan um die 10 %, Berlusconi und Grillo, beide anti-EU Diktion, haben die Hälfte der Stimmen. Wobei die stärkste Partei auch links ist, also sich auch gegen Reformen und Sparen versetzen wird.

    Die Eurokrise ist noch lange nicht vorbei, da man ja bereits erwartet, dass 2014 ein noch schlechteres Jahr sein wird.

    Also dürfte die Angst doch auch berechtigt sein, da die Zauberlehrlinge in Brüssel sich nicht im Klaren waren, was sie mit ihren Erfindungen, um die Krise zu kontrollieren, auslösen würden.

  • @ Super-Angie

    Zitat : mit Bulgarien ist ein 2. Griechenland entstanden man muß auch Rumänien dazu zählen.

    Nein Super-Angie ! Die ganzen mitteleuropäischen Ostblockstaaten sind ein " GRIECHENLAND " , die auf unsere Kosten daher schmarotzen !

    Das sind heute die "Neu-Demokratien", wie unsere Nomenklatura versucht, uns diese schmackhaft zu machen ! Es sind aber keine Neu-Demokratien, es sind nach wie vor kommunistische Diktaturen, die sich wendehalsmäßig zu Demokraten mutiert haben, um uns über die Kloake Brüssel abzuzocken und in die Armut zu trieben !
    Deutschland wird bald auch zu Griechenland : 8 Mio. ausgebeuteter Menschen haben wir schon, die für einen Hungerlohn malochen gehen !
    Der Wohlstand Deutschlands ist eine retuschierte ARMUT !

    Im Wohlstand befinden sich neben den Wirtschaftsreichen vor allem die schmarotzenden Beamten ( meistens in Regierungsverantwortung ), die das Volk mit Steuern und Lügen ausbeuten und sich selbst am reichen Steuertrog satt nuckeln...!!

    Und die müßen wir zuallererst abschaffen !!!

    Unser Land benötigt auch einen Beppe Grillo, der anfängt,
    der Nomenklatura-Mafia ein Ende zu bereiten !

  • Zitat_Beppe_Grillo
    Super
    Das sollte mal ein Politiker bei usn machen, abr usnre sind zu feige und vor allem viel zu antidemokratisch

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