Schiiten feiern Hinrichtung
„Himmlische Gerechtigkeit“

In den schiitischen Hochburgen des Iraks herrschte nach der Exekution Saddam Husseins Festtagsstimmung. Für viele Angehörige von Opfern des Folterregimes ist die Hinrichtung eine späte Genugtuung. Die Sunniten hingegen sind entsetzt.

BAGDAD/BEIRUT. Die Schiiten feierten die Hinrichtung ihres langjährigen Unterdrückers Saddam Hussein, die ihre Regierung ausgerechnet zum Auftakt des islamischen Opferfestes vollstrecken ließ. Sie konnten kaum fassen, was sie im staatlichen Fernsehen zu sehen bekamen: „Was heute geschehen ist, ist einfach unglaublich. Meine Freude ist so groß, dass ich sie kaum ausdrücken kann“, sagte der 20-jährige Journalist Mohammed Kadhim aus Basra im Süden des Iraks. „Saddam wird zum Galgen geführt und dort gehängt, wo er Zehntausende von unschuldigen Irakern auf dieselbe Weise umgebracht hat.“ Auch die 45-jährige Hausfrau Salua Aluan empfand die Nachricht als späte Genugtuung für den Tod ihres Mannes und drei ihrer Brüder durch Saddams Henker: „Auf ihren Totenscheinen stand, dass sie gehängt wurden. Und heute sehe ich, dass Saddam gehängt wird. Das ist die himmlische Gerechtigkeit.“

Fotostrecke: Saddams Exekution

In Nadschaf und im Bagdader Stadtviertel Sadr strömten die Menschen auf die Straßen und tanzten vor Freude. Viele Autofahrer begrüßten die Nachricht mit lautem Hupen. Süßigkeiten wurden verteilt. Auch die Exilgemeinden in den USA und in Australien feierten das Ereignis ausgelassen: Dutzende aus dem Irak stammender Männer verbrachten die Nacht in Detroit im US-Bundesstaat Michigan gemeinsam auf einem Parkplatz und zählten die Stunden bis zur Vollstreckung des Todesurteils. In der Stadt lebt die größte arabische Gemeinde in den USA.

Ganz anders die Stimmung in der sunnitischen Welt: Für sie wurde der ehemalige Diktator dagegen zum Opfer gemacht, zu einem Märtyrer ihres Kampfes gegen die von den USA gestützte Regierung. „Ich habe kein Bedauern oder Mitleid für diesen Mann übrig“, sagte Ehab Abdel-Hamid, ein 30-jähriger Schriftsteller und leitender Redakteur bei der unabhängigen ägyptischen Zeitung „Al-Dostur“. „Aber der Zeitpunkt ist sehr dumm gewählt und die Muslime werden denken, das wurde gemacht, um sie zu ärgern.“

In den arabischen Hauptstädten kam es nicht zu spontanen Demonstrationen, auch in Bagdad selbst waren die Reaktionen unter den Sunniten gleichsam gedämpft. Viele Menschen waren mit den letzten Vorbereitungen für das Opferfest beschäftigt oder waren zu den Festtagsgebeten in der Moschee, als die Nachricht bekannt wurde.

Im Gazastreifen verbreitete sich die Neuigkeit per SMS und Telefonanrufen. Während sie fürs Opferfest Schafe und Ziegen schlachteten, schalteten die Menschen die Fernseher an und verfolgten die Bilder aus Bagdad. „Was ist Saddam eigentlich? Ein Schaf?“, empörte sich Abu Mohammed Salama. „Ich glaube, die Amerikaner wollen allen arabischen Regierungschefs, die ihre Diener sind, damit vor allem eines sagen: Ihr seid wie Saddam, nicht mehr als ein Schaf, das zum Opferfest geschlachtet wird.“

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