"Schikane"
Kirchen krititisieren britische Arbeitsmarktreform

Arbeitslosenhilfe könnte es in Großbritannien bald nur noch geben, wenn Arbeitslose dafür gemeinnützige Arbeit leisten. Besonders die Kirchen sind entsetzt über die Reformpläne der Regierung. Der Erzbischof von Canterbury verteidigt die Arbeitslosen.
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HB LONDON. Britische Langzeitarbeitslose müssen nach dem Willen der Regierung möglicherweise bald gemeinnützige Arbeit für ihr Sozialleistungen erbringen. Konkret könnte dies bedeuten, dass ein Langzeitarbeitsloser zunächst vier Wochen unentgeltlich arbeiten muss, bevor er eine wöchentliche Sozialhilfe in Höhe von 65 Pfund (75 Euro) erhält.

Es gehe darum, Leuten, die es nicht gewohnt seien zu arbeiten, die Möglichkeit zu geben, von Zeit zu Zeit die Erfahrung eines Beschäftigungsverhältnisses machen zu lassen, sagte Außenminister William Hague am Sonntag im BBC-Fernsehen. Infrage kommen dabei Arbeiten wie das Kehren von Straßen, Rasen mähen, Müll sammeln oder Aushelfen in Gemeindezentren. Wer die ihm zugewiesene Tätigkeit ablehnt, verliert vorübergehend seine Sozialleistungen.

Im Zuge der geplanten Haushaltskürzungen hat die Regierung bereits angekündigt, Mietzuschüsse zu kürzen und strengere Kontrollen bei jenen durchzuführen, die Behindertenhilfe beantragen.

Arbeits- und Sozialminister Iain Duncan Smith schlug vor, Arbeitslose zu fragen, ob sie 30 Stunden pro Wochen für lokale Behörden oder Wohltätigkeitsorganisationen arbeiten könnten. Dies solle den Betroffenen helfen, sich an einen Tagesablauf mit Vollzeitstelle zu gewöhnen und gleichzeitig jene aus dem System aussortieren, die eigentlich arbeiteten und dennoch Sozialleistungen bezögen.

Derzeit sind in Großbritannien rund 1,4 Mio. Menschen seit mindestens zehn Jahren arbeitslos und beziehen staatliche Leistungen. Mit der Reform der Sozialhilfe versucht die Regierung auf einen Teil der Bezieher Druck auszuüben, wieder ins Arbeitsleben zurückzukehren. „Die Botschaft lautet: Ihr spielt mit oder es wird schwierig“, sagte Duncan Smith am Samstag der Zeitung „Daily Telegraph“. Insgesamt gibt es im Land derzeit rund fünf Mio. Bezieher von Arbeitslosenhilfe.

Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, warnte in der BBC davor, die Arbeitslosen durch die Reform zu schikanieren. Die Menschen seien oftmals nicht in einer solchen Situation, weil sie böse, dumm oder faul seien, „sondern weil die Umstände gegen sie sind“. Die oppositionelle Labour Party warf der Regierung vor, zu wenig neue Jobs geschaffen zu haben. Um ein Stellenangebot konkurrierten gegenwärtig fünf Bewerber.

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