Schlacht um Südossetien
Der Krieg, der überraschend kam

Im Kaukasus liefern sich Russen und Georgier eine blutige Schlacht. Ein Konflikt, der vorhersehbar war - und der die Welt doch auf dem falschen Fuß erwischte. Unterwegs im Krisengebiet.

MZCHETA. Wachs, Weihrauch und Tränen füllen den von brennenden Kerzen erleuchteten Kuppelsaal mit seinen kostbaren Ikonen der Gottesmutter und des Heiligen Georgs. Im rauen Gesang des georgischen Männerchors erstickt das Schluchzen der Frauen mit ihren dunklen Kopftüchern. Ija, Swiad, Irakli und David küssen das große, goldene Kreuz, das Vater Wachtang vor seinem mit schwarzem Stoff bespannten Kapellmeisterbauch vor sich herträgt. Ihre Mütter weinen, doch die Jungen in den nagelneuen Uniformen strahlen den Stolz junger Männer aus, die erstmals in ihrem Leben etwas für sich, ihre Familien und ihr Land tun dürfen.

Dass es ausgerechnet ein Krieg ist, für den die vier jungen Georgier unter der kaukasischen Spitzkuppel des Klosters von Mzcheta gesegnet werden, lässt bei einigen Frauen die Tränen rollen. Das mit Zischlauten durchsetzte nasale Singen der Bärtigen wird lauter. Reden wollen die jungen Soldaten nicht. Das sollen ihre Kameraden in der Hauptstadt, in Tiflis, tun, sagen sie nur. Dann geht es die historische Wehrstraße zurück, an der das georgisch-orthodoxe Kloster liegt.

Und die Kameraden, die Freiwilligen, sie reden. "Ich will an die Front, ich muss meine Heimat gegen die russischen Aggressoren verteidigen", sagt Aleks Jabiaschwili, als der 22-Jährige mit dem khakifarbenen Tuch auf der Glatze gerade seine Daten ins Buch des "Rekrutierungszentrums der georgischen Armee" im Saburtalo-Viertel der Hauptstadt Tiflis eingetragen hat. Um den Hals baumeln zwei blecherne Erkennungsmarken - wie bei US-Soldaten. Denn Georgiens Streitkräfte werden seit einigen Jahren auch von amerikanischen Ausbildern trainiert. Derweil klebt ein Uniformierter ein Papierschild an die Mauer, auf dem in georgischen Kringeln geschrieben steht: "Wir registrieren keine Freiwilligen mehr. Freiwillige können sich nur beim Veteranenverband melden."

Es herrscht Krieg im Kaukasus, seit Freitag liefern sich hier Russen und Georgier eine blutige Schlacht um die abtrünnige Republik Südossetien. Ein Konflikt, der vorhersehbar war - und dessen Heftigkeit die Welt doch überraschte. Die Russen spielen sich zum Beschützer der Region auf. Die Georgier wollen sie sich einverleiben. Nun wird auf beiden Seiten geschossen - und mobilisiert.

Auch Surab Barabadse, der Georgier, ist entschlossen zu kämpfen. Der Muskelbepackte ist in seinem schwarzen Mercedes-CLK zu den alten Kämpfern gefahren. Auf dem vollkommen ausgelatschten Parkett des Veteranenverbandes drängeln sich junge Männer, um zum Schreibtisch des Hauptmanns vorgelassen zu werden. Dessen weiße Locken unter dem Camouflage-Käppi deuten an, dass der Teilnehmer der innergeorgischen Sezessionskriege Anfang der 90er-Jahre inzwischen nicht mehr zu den Aktiven zählt. Aber er ist der Militärexperte, der auswählt, ob die Jungen zu Tankisten-Panzerfahrern oder Artilleristen taugen. Surab notiert er nur etwas widerwillig in die große Kladde, die zwischen drei zu Aschenbechern umfunktionierten Tassen und einer kleinen Marien-Ikone eingezwängt auf dem Tisch liegt.

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