International
Schreckliche Stunden in Brüssel

Die Osteuropäer wollten Europa retten. „No“, sagte Tony Blair. Nun herrscht Verbitterung auf allen Seiten. Eine Handelsblatt-Reportage.

HB BRÜSSEL. Den letzten Coup hat keiner kommen sehen. Es ist 23.30 Uhr, der Brüsseler Krisengipfel steht vor dem Scheitern. Jean-Claude Juncker, der Verhandlungsführer aus Luxemburg, will schon aufgeben: „Wir haben kein Einvernehmen erzielt“, stellt der amtierende EU-Ratsvorsitzende nach 16 Stunden Verhandlungsmarathon im Kreis der Staats- und Regierungschefs fest. Da ergreift Marek Belka das Wort. Ohne eine Einigung stünden der EU schwere Jahre bevor, beginnt der polnische Premier seine überraschende Initiative. Er stelle sich die Frage, ob es beim Streit um die EU-Finanzplanung nur ums Geld geht – oder um ganz andere Motive.

Und dann kommt der Satz, der in die europäische Geschichte eingehen wird: Polen sei bereit, weitere Opfer zu bringen, wenn damit der Gipfel gerettet werden könne. Pause. Ein Raunen geht durch den Saal im 7. Stock des Brüsseler Ratsgebäudes. Es sind ausgerechnet die neuen Mitglieder, die der heillos zerstrittenen EU noch einmal den Weg aus der Krise weisen wollen. Schon meldet sich Ungarn Premier Peter Medgyessy zu Wort: Auch sein Land sei zu weiteren Opfern bereit. Fast wortgleich klingt es bei Litauens Präsidenten Valdas Adamkus: „Wir sind bereit zu Opfern für die europäische Sache.“ Slowenen, Letten und Tschechen pflichten bei.

Die Runde der 25 ist irritiert. Die Ärmsten unter den 25 EU-Ländern wollen für die Reichsten sammeln? Von 1,2 Milliarden Euro ist in osteuropäischen Regierungskreisen die Rede – ein geradezu beschämendes Angebot. Wie oft hat der britische Premier Tony Blair in diesen Stunden den Satz gesagt, an den er schon den ganzen Tag festhält wie einst Maggie Thatcher an ihrer Handtasche: „Die Aufgabe des Briten-Rabatts ist nicht gerechtfertigt.“ Wie unter Drogen habe der Brite gewirkt, wird später ein Diplomat berichten. Blair wittert prompt die Gefahr des Vorstoßes aus dem Osten Europas. Nein, das komme nicht in Frage, lehnt er das Angebot kategorisch ab. Es gehe gar nicht ums Geld, sondern um fundamentale Reformen.

Die Momente der Hoffnung sind kurz, für Minuten schien es, als komme der Reigen der Gespräche noch einmal in Gang, als sei die EU in ihrer jetzigen Form noch lebendig. Dann Blairs „No“, es ist aus. Der Gipfel, auf dem die Union zeigen wollte, dass sie trotz des Scheiterns der EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden handlungsfähig ist, endet um kurz nach halb eins am Samstagmorgen in totaler Lähmung. Nun geht mehr zu Bruch als ein Finanzplan. Verbitterung auf allen Seiten. Wenig später wird Juncker vor der Presse sagen: „Europa ist nicht in der Krise. Europa ist in einer tiefen Krise.“

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