Schriftsteller Yu Hua
„In China sind nur Studenten konservativ“

In seinem Roman "Brüder" beschreibt der Schriftsteller Yu Hua die gewaltigen Umwälzungen in der Kleinstadt Liuzhen, von der Kulturrevolution bis zum wilden Kapitalismus und Konsumrausch der 90er Jahre. Ein Gespräch über Kulturrevolution, Kader, Kapitalismus - und die Rolle der Jugend in China.

PEKING. Song Fanping hat einen unverzeihlichen Makel: Sein Vater besaß einen kleinen Acker. Deshalb ist er nun plötzlich "Grundbesitzer", so steht es auf der Tontafel um seinen Hals, ein Klassenfeind, und alle können ihn beschimpfen und bespucken. Deshalb wird er verhaftet, gefoltert und schließlich auf der Straße vor dem Bahnhof totgeschlagen. Seine Söhne Li Guang, genannt Glatzkopf-Li, und Song Gang verstehen das nicht. Sie bewundern ihren Vater, der sie auch unter Schmerzen noch zum Lachen bringt. Gerade erst hatte er doch noch die rote Fahne durch die Straßen getragen.

Die Schilderung der Kulturrevolution aus der Perspektive der Kinder ist einer der Höhepunkte in Yu Huas Roman "Brüder". Drastisch, anrührend, schockierend und gleichzeitig humorvoll beschreibt der Bestseller-Autor auf mehr als 700 Seiten das Schicksal der beiden Brüder im Provinznest Liuzhen von der Kulturrevolution ab 1966 bis zum wilden Kapitalismus und Konsumrausch im China der 90er-Jahre. "Ich habe diese zwei Zeitalter erlebt, vor und nach der Öffnungspolitik", sagt Yu Hua, Jahrgang 1960, beim Treffen im "Friendship Hotel" in Peking, dem protzigen, altmodischen Kaderhotel, in dem seinerzeit alle Ausländer wohnen mussten. "Der Unterschied ist riesig groß", erklärt er, "die Kulturrevolution, das war wie das Mittelalter in Europa. Aber ein Europäer hätte 400 Jahre leben müssen, um den Wandel zu erleben, ich nur 40." Er war ein Kind, doch er erinnert sich, dass sein Vater, ein Arzt, schlecht behandelt wurde. Der Frage nach dem autobiografischen Gehalt seines Romans geht er aus dem Weg. Persönliche Erfahrungen seien selten in seinen Romanen: "Ich beobachte viel und höre anderen zu."

In Balzac?scher Manier beschreibt Yu Hua die gewaltigen Umwälzungen in der Kleinstadt Liuzhen. Während Song Gang, gut aussehend, ernsthaft, schüchtern und pflichtbewusst, das schönste Mädchen der Stadt heiratet, aber weiter in der staatlichen Metallfabrik arbeitet, dann arbeitslos wird und am Ende mit einem Quacksalber durchs Land zieht und Potenzmittel und die Creme "Busenwunder" verkauft, macht sein Halbbruder Glatzkopf-Li, rücksichtslos, gerissen, frech und abgebrüht, eine Mega-Karriere vom Lumpensammler zum Immobilien-Tycoon. Mit ihm verändert sich die ganze Stadt, auch die Kader in der örtlichen Verwaltung, die Glatzkopf-Li unverhohlen bewundern und ihren Teil vom Geldregen abhaben wollen. Der stellt seinen Reichtum protzend zur Schau: ein goldenes Klo, einen weißen Mercedes für den Tag und einen schwarzen BMW für die Nacht. Mit seinem Geld kauft er Frauen - auch seine Schwägerin. Vor zehn, fünfzehn Jahren hätte "Brüder" nicht erscheinen können, sagt Yu Hua. "Da war China noch sehr viel konservativer und es hätte Schwierigkeiten mit dem Verlag gegeben, denn ich bin nicht bereit, ein einziges Zeichen in meinen Werken zu ändern." Zensur meint er nicht, "es gab Kritik, aber nicht von der Regierung". Nein, viele Leser, vor allem die jungen, hätten Schwierigkeiten gehabt, Inhalt und Stil zu akzeptieren. Nestbeschmutzung hätten sie ihm vorgeworfen, die Verbreitung eines negativen Chinabildes.

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