Schröder-Besuch und bilaterales Wirtschaftsforum regen Erwartung der Industrie an
Libyen-Geschäft steht vor neuem Schub

Nach Unterzeichnung des Entschädigungsabkommens für die Opfer des Anschlages auf die Berliner Diskothek „La Belle“ und der Ankündigung eines Besuchs von Bundeskanzler Gerhard Schröder in Tripolis rechnet die deutsche Industrie mit einer spürbaren Belebung im Libyen-Handel.

DÜSSELDORF. „Die deutsche Wirtschaft ist froh über die Entspannung,“ sagt Nahost-Referent Peter Kreutzberger vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). „Libyen ist ein reiches Land mit einem sehr großen Nachholbedarf.“

Die Gaddafi-Stiftung hatte am vergangenen Freitag ein Abkommen unterzeichnet, das Entschädigungen über 35 Mill. $ für alle nicht-amerikanischen Opfer vorsieht. Nach der Aufhebung des amerikanischen Wirtschaftsembargos im April verbessern sich die Perspektiven vor allem im Öl- und Gassektor, zumal Libyen bis 2010 rd. 30 Mrd. $ investieren will. „Es müssen neue Felder erschlossen, viele alte rehabilitiert werden“, sagt der Koordinator des deutsch-libyschen Wirtschaftsforums, Walter Englert. Die libysche staatliche Ölgesellschaft hatte kürzlich 15 Lizenzen für Exploration und Produktion im Ölsektor ausgeschrieben. „Britische und amerikanische Firmen sind zweifellos stärker aufgestellt,“ räumt Jochen Clausnitzer vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ein. „Das heißt aber nicht, dass die Ausschreibungen für uns uninteressant sind.“

Vor allem nicht, wenn Unternehmen seit 1958 im libyschen Öl- und Gassektor tätig sind, wie die BASF-Tochter Wintershall. Sie erwartet auch weiterhin nachhaltig im Geschäft zu bleiben. Aus Industriekreisen verlautet, dass Wintershall während des Schröder-Besuchs am 15. Oktober neue Verträge zum Ausbau von Öl- und Gasfeldern unterzeichnen könnte. Wintershall arbeitet dort unter anderem mit der österreichischen OMV und der spanischen Repsoil zusammen und will das On- und Offshore-Geschäft jetzt auch mit Norsk-Hydro betreiben.

Potenzial für deutsche Firmen sieht Englert auch außerhalb der Petrochemie. Die hohen Energiepreise bescheren Tripolis gut gefüllte Kassen, um die Modernisierung der Infrastruktur in Angriff zu nehmen. Das Interesse konzentriert sich vornehmlich auf Wasserbau, Verkehrswesen, Telekommunikation und Gesundheitswesen. In Libyen aktiv sind seit Jahren Firmen wie MAN-Ferrostaal, die Baukonzerne Bilfinger Berger und Hochtief sowie die Siemens AG. Ebenso wie Wintershall erwartet auch die MAN-Tochter die Konkretisierung neuer Projekte. Das deutsche Engagement dürfte durch die Unterzeichnung eines Investitionsschutzabkommens während des Kanzler-Besuches ebenso weitere Impulse erhalten wie durch die Wiederaufnahme der Hermes-Exportbürgschaften Mitte August. „Nachdem die USA keine Einwände mehr gegen Geschäfte mit Libyen erheben, kommt die politische Flankierung nun wieder zum Zuge,“ meint Kreutzberger.

Richtig zur Sache gehen soll es beim 7. deutsch-libyschen Wirtschaftsforum Ende November in Tripolis. Der BDI-Experte erwartet dort einen kräftigen Schub für die Handelsbeziehungen. Im ersten Halbjahr 2004 nahmen die deutschen Exporte nach Libyen bereits spürbar auf 314 Mill. Euro zu (Gesamtjahr 2003: 525 Mill. Euro). Libyen ist nach Russland und Norwegen der drittwichtigste Öllieferant Deutschlands ( 1,7 Mrd. Euro). Als Lieferland wird Deutschland (10 Prozent) in Libyen nur von Italien (25 Prozent) übertroffen.

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