Schuldenkrise
Europas ratlose Piloten

Die Schuldenkrise wirbelt Europa durcheinander. In den Turbulenzen wirken europäische und amerikanische Politiker wie überforderte Flugkapitänen, meint Pimco-Chef Mohamed El-Erian.

Wenn ich im Flugzeug sitze und es Turbulenzen gibt, beruhige ich mich mit dem Glauben, dass die Piloten schon wissen, was zu tun ist. Müsste ich durch die geöffnete Cockpittür zusehen, wie sie voller Frust über das schlechte Funktionieren der Steuerung ihre nächsten Schritte diskutieren, wäre ich sehr verunsichert. Die Politiker vieler westlicher Volkswirtschaften ähneln eher der zweiten Gruppe von Piloten. Wir erleben das in Europa, in den Vereinigten Staaten und in Japan: durch widersprüchliche Ankündigungen und Entscheidungen der Politiker. Und die Indikatoren der wirtschaftlichen Stimmung gehen bereits wieder zurück.

In Europa waren die Entscheidungsträger trotz vieler Gipfel und Programme, mehrerer teurer Rettungsaktionen und schmerzlicher wirtschaftlicher und sozialer Opfer nicht in der Lage, die Staatsschuldenkrise am Rand der Euro-Zone einzudämmen. Wie ein planlos gesteuertes Flugzeug hat die europäische Wirtschaft nicht so reagiert, wie es in der Bedienungsanleitung stand. So schrieb der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou letzte Woche in seinem eindrucksvollen Brief an den Vorsitzenden der Euro-Gruppe, Luxemburgs Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker: "Die Märkte und Ratingagenturen haben sich nicht so verhalten, wie wir alle es erwartet haben."

Auch in den USA ist politische Unfähigkeit erkennbar. Trotz nie da gewesener fiskalischer und finanzieller Stimulierung stagniert das Wirtschaftswachstum, und die Arbeitslosigkeit bleibt auf einem besorgniserregend hohen Niveau. Während die Politiker die wertvolle AAA-Bewertung des Landes gefährden, indem sie wie Schulkinder über die Anhebung der Schuldengrenze streiten, werden die mittelfristigen finanzpolitischen Aussichten immer düsterer. Die wirtschaftlichen Bedienungsanleitungen der Fed erklären die heutige wirtschaftliche Situation nur unzureichend. Kein Wunder, dass das neueste Sitzungsprotokoll des Offenmarktausschusses eine Spaltung über den weiteren geldpolitischen Kurs aufzeigt.

Das Problem der Politiker in Europa, den USA und Japan lässt sich in sechs wichtige Themen gliedern. Erstens leiden alle drei Wirtschaftsräume unter dem verstärkten Abbau von Fremdkapital. Als würde aus unserem metaphorischen Flugzeug mitten in der Luft der Sauerstoff abgesaugt, destabilisiert dies die Gesellschaften und unterminiert die traditionelle Wirkung politischer Maßnahmen. Könnten sie nach Belieben vorgehen, würden sich diese Volkswirtschaften wohl bis zum Exzess verschulden, was eine neue Finanzkrise wahrscheinlicher machen würde.

Zweitens wirkt dieser inländische Rückgang des Fremdkapitalanteils verstärkend auf strukturelle Hindernisse. Auch wenn sich die Details je nach Wirtschaftsregion und Sektor (Häusermarkt, Arbeitsmärkte, Kreditvermittlung usw.) unterscheiden, führen sie in ihrer Gesamtheit zu einem unglücklichen Ergebnis: Sie verhindern die Wachstumsfähigkeit der Wirtschaft und damit den geregelten Abbau des Schuldenüberhangs.

Drittens agieren die Politiker in einer Weltwirtschaft, die sich mitten in einer großen Neuausrichtung befindet. Viele wichtige Entwicklungsländer, in erster Linie China, brechen zunehmend aus ihrer nachgeordneten Rolle aus. Viertens haben die Entscheidungsträger durch ihre Anwendung zyklischer Maßnahmen zur Lösung struktureller Probleme die Situation weiter verkompliziert: wiederum ein Zeichen für ihre Unfähigkeit, die neuartigen Herausforderungen zu verstehen.

Fünftens macht die Politik die Probleme noch unübersichtlicher. Der Grund dafür ist einfach: In den meisten Fällen sind die erforderlichen strukturellen Maßnahmen kurzfristig schmerzhaft und erst langfristig wirksam, angesichts kurzer Wahlzyklen ein bei Politikern sehr unbeliebter Effekt. Und schließlich war die Kommunikation fürchterlich. Ich habe selten gesehen, dass Politiker dermaßen unfähig waren, eine klare mittelfristige wirtschaftliche Vision zu kommunizieren - ein Versagen, das zur allgemeinen Unsicherheit und Unruhe beigetragen hat.

Aus all diesen Gründen sollten wir die heutigen Politiker bemitleiden, die zur Lösung schwieriger Herausforderungen nur mangelhafte Werkzeuge zur Verfügung haben. Aber wir sollten sie auch dazu drängen, ihr zyklisches Denken zugunsten einer Weltsicht aufzugeben, mit der die Probleme, die der momentanen Misere zugrunde liegen, besser verstanden und gelöst werden können. Unglücklicherweise wird dies nicht über Nacht geschehen, und in manchen Fällen müssen sich die Zustände wohl noch deutlich zuspitzen, um die Politiker wachzurütteln.

Der Autor ist Chef der US-Fondsgesellschaft Pimco. Sie erreichen ihn unter: gastautor@handelsblatt.com

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