Schuldenkrise
Griechenland wird die gesetzten Sparziele nicht packen

Griechenland hat eine schrumpfende Wirtschaft und sinkende Steuereinnahmen. Die Finanzen sind undurchsichtig. Aus Regierungskreisen verlautet was viele befürchten: Das Land wird die Sparziele verfehlen.
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Athen Griechenland verfehlt einem hochrangigen Regierungsvertreter zufolge das Defizitziel. Das Minus belaufe sich 2011 auf 8,1 bis 8,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), sagte der Vertreter am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Das Ziel war 7,6 Prozent.

Die Inspektoren der internationalen Geldgeber befürchten Kreisen zufolge sogar, dass sich das Defizit auf 8,5 bis 8,6 Prozent belaufen könnte. Grund sei nach Ansicht der Prüfer von Internationalem Währungsfonds (IWF), EU und EZB eine schleppende Umsetzung des Sparkurses, sagte ein der sogenannten Troika nahestehender Vertreter.

Die Athener Regierung macht dagegen die unerwartet tiefe Rezession verantwortlich. Griechenland rechnet damit, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um mehr als 4,5 Prozent schrumpft, möglicherweise sogar um über fünf Prozent. Bisher hatte sich die Athener Regierung auf ein Minus von 3,9 Prozent eingestellt.

Die Troika von EU, IWF und EZB fordert den Kreisen zufolge von den Griechen nun eine schnellere Umsetzung der Privatisierungspläne, sowie der Arbeitsmarktreformen. Die Inspektoren überprüfen seit Montag, ob Griechenland ausreichend Fortschritte für den Erhalt einer weiteren Tranche aus dem Rettungsfonds erzielt hat. Die zunehmend desolate Finanzlage des Mittelmeerlandes sorgte inzwischen auch für innenpolitische Verwerfungen.

Ein Expertenausschuss, der am Vortag die Verschuldung Griechenlands als außer Kontrolle bezeichnet hatte, verlor am Donnerstag seine Spitze: Die Chefin des unabhängigen Parlamentsauschusses, Stella-Savva Balfousia, nahm ihren Hut. Kreisen zufolge entschloss sie sich zu dem Schritt, nachdem Finanzminister Evangelos Venizelos das Expertenkomitee wegen dessen Kritik scharf angegriffen hatte.

Im vergangenen Jahr hatte das Finanzministerium eigens den Ausschuss eingesetzt, um Licht in die undurchsichtigen Finanzen in Athen zu bringen. Balfousia war auch eine der zentralen Figuren in einem früheren Komitee, das die Ungereimtheiten und zur Verdeckung der desolaten Finanzlage Griechenlands öffentlich gemacht hatte.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Ich finde, wir sollten unser System schützen. Das ist es doch wert, wir haben alle etwas davon. Dazu müssten wir uns allerdings gegen die jetzige Politik wehren, und zwar nicht nur durch Leserbriefe, sondern vielleicht einmal so, wie es uns die Menschen in anderen Ländern bereits vorgemacht haben: per Verabredung durch Facebook. Ich wäre dabei.

    Delac, GR

  • Wie man sieht, steht das Land einer schier unüberwindbaren Menge an Hindernissen gegenüber, bis es sich wirklich und ehrlich zu Europa zählen darf. Warten wir doch einfach mal ab, was passiert. WIE diese Hindernisse überwunden, wie die Probleme gelöst werden, ist einzig Sache der Griechen.
    Europa jedenfalls ist dafür nicht zuständig.

    Europa aber ist zuständig dafür, den Schaden abzufedern, der durch den Austritt Griechenlands aus der Währungsunion im restlichen Europa entstünde. Es sollte der Richter sein, der die Strafen und Hilfen gerecht verteilt.

    1. GR ist mit dem Austritt bereits gestraft, erhält aber gleichzeitig eine neue Chance, allerdings ohne jahrelange Unterstützungen.
    2. Die Banken und Versicherungen sollen für den selbst angerichteten Schaden, wider besseres Wissen riskante Papiere gekauft zu haben, selbst gerade stehen. Normale Firmen melden schließlich auch Konkurs an – warum also nicht eine Bank oder eine Versicherung? Das wäre doch auch systemgerecht. Schließlich leben wir in einem kapitalistischen System, das ich übrigens befürworte. Dann soll man doch auch dieses System anwenden und nicht plötzlich, wenn es gerade in den Kram passt, den Sozialismus für Banken und Versicherungen einführen.
    3. Die Leidtragenden der ganzen Sache, z.B. die Kunden der Banken oder der Versicherungen, DIESE sollten vom Rettungsschirm profitieren. Sie sind die Einzigen, die in diesem Spiel wirklich unschuldig sind und daher sollten sie auch nicht die Last tragen, sondern von uns allen, von Europa, gestützt werden. Fortsetzung folgt.

  • Meine Antwort ist klar. Nein, die Troika kann sich nicht durchsetzen und Nein, eine Integration ist nicht erstrebenswert – zumindest nicht jetzt. Nachdem ich nun fast 10 Jahre lang hier lebe, bekomme ich täglich etwas mehr Durchblick. Die Mentalität der Griechen ist nicht vergleichbar mit allem anderen, was uns in Europa bekannt ist. Sogar auf dem Balkan ticken die Uhren anders. Vielleicht hat die griechische Verhaltensweise etwas zu tun mit der jahrhunderte langen Besetzung durch die Türken – ich weiß es nicht. Auf jeden Fall aber ist hier viel mehr Orient als Okzident, selbst wenn Griechenland natürlich die Wiege Europas ist und deshalb als Mitglied in der EU unverzichtbar ist. Aber die heldenhafte Geschichte Griechenlands mit all ihren für die heutige Welt unverzichtbaren Vorbildern ist eben lange, lange her – von den alten Griechen und ihren Nachfahren ist nichts übrig geblieben.
    Und bis die Griechen soweit sind, Demokratie zu praktizieren, mögen zwar keine erneuten 2000 Jahre vergehen – aber für die starken Nordländer wird es in jedem Fall zu lange dauern. Zu lange für einen Verbleib in der Währungsunion.

    Deshalb meine Empfehlung: Nur die Rückkehr zur eigenen Währung kann Griechenland zu einem kleinen Aufschwung verhelfen. Verknüpft mit einem Haircut gäbe dies dem Land eine reelle Chance, sich im Laufe der nächsten 2 Jahrzehnte von der erdrückenden Last der Schulden zu befreien. Ob die Griechen das nun mit oder ohne ihre korrupten Politiker und Gewerkschaftsbosse tun, entscheiden sie selbst. Immerhin hat sich ein ganzes Volk seit Bestehen des Landes mit einem System von Bestechungszahlungen – Geben und Nehmen – arrangiert. Das müsste dann ja auch verschwinden. Fortsetzung folgt.

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