Schuldenkrise: In Griechenland setzt sich der Hunger fest

Schuldenkrise
In Griechenland setzt sich der Hunger fest

Die Durchhalteparolen der Politik klingen für viele Griechen nur noch zynisch. Nach Jahren der Rezession und unzählbaren Sparprogramme sind sie verzagt und zermürbt. Hunger und Verzweifelung breiten sich aus.
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AthenSotiris Panagopoulos zählt das Geld noch einmal. Aber davon wird es nicht mehr. 599,95 Euro: Damit soll er in den nächsten vier Wochen seine Frau und seine beiden kleinen Kinder durchbringen. „Wie soll das gehen?“, fragt der 35-Jährige verzweifelt. Allein 320 Euro gehen für die Miete drauf, dazu kommen die Rechnungen für Strom und Heizung. „Unter dem Strich bleiben uns nicht mal sieben Euro am Tag zum Leben. Vor fünf Monaten hat er seinen Job als Schweißer verloren. Die Firma hat von einem Tag auf den anderen dichtgemacht, 23 Leute standen auf der Straße.

Panagopoulos ist nicht der Einzige, der an diesem regnerischen Morgen auf dem Arbeitsamt von Perama sein Arbeitslosengeld abholt. Die Schlange der Wartenden wird jeden Monat länger. Perama liegt eine knappe Autostunde westlich Athens am Saronischen Golf, früher war die Stadt das Zentrum der griechischen Schiffbauindustrie. Heute hat der 25.000 Einwohner zählende Ort eine der höchste Arbeitslosenquoten Griechenlands: rund 60 Prozent. Die meisten Betriebe hatten seit Jahren Probleme, weil sie mit den großen Werften in Asien nicht mehr konkurrieren konnten. Die Rezession hat ihnen den Rest gegeben.

Interaktive Infografik

Griechenland: Staatsverschuldung von 2007 bis 2011

in Mrd. Euro


„Hier läuft nichts mehr“, sagt Panagiotis Kosmas. Er sitzt in seiner Imbissbude an einer Bushaltestelle und wartet auf Kunden. Aber die meisten Werkstore hier unten an der Uferstraße sind längst verriegelt. Nur noch von wenigen Werften tönen die Stimmen von Arbeitern, die Schläge ihrer Hämmer und das Zischen der Schweißbrenner. „Perama stirbt einen langsamen Tod“, sagt Kosmas. Er will weg von hier, sucht nach einem neuen Standplatz für seine Bude.

Die Griechen im Jahr drei der Krise: ein verzagtes, verzweifeltes Volk, zermürbt von immer neuen Sparauflagen. Seit Beginn der Krise ist die Wirtschaft um fast 15 Prozent geschrumpft. Nach Berechnungen der EU-Statistikbehörde Eurostat leben bereits 28 Prozent der 18- bis 64-jährigen Griechen an der Armutsgrenze. Jeder vierte Kleinunternehmer und Mittelständler fürchtet laut einer Umfrage, dass er seinen Betrieb „in nächster Zeit“ schließen muss.

Die griechische Gesellschaft nähert sich der Grenze ihrer Belastbarkeit. Zumindest gilt das für die ärmeren Menschen und für die Mittelschicht. Denn nicht alle Griechen sind am Boden – vor den Nachtclubs an der Iera Odos, der Heiligen Straße, und den teuren Strandcafés im Küstenvorort Vouliagmeni parken immer noch die dicken Geländewagen.

73 Milliarden Euro haben Euro-Staaten und Internationaler Währungsfonds seit Mai 2010 bereits nach Athen überwiesen, jetzt werden im zweiten Rettungspaket weitere 130 Milliarden bereitgestellt. Wenn sich die Regierungschefs der EU-Staaten heute mal wieder in Brüssel versammeln, werden sie erneut betonen, wie wichtig ihnen die Förderung des Wachstums in den Mitgliedsländern ist. Konkrete Maßnahmen dafür werden sie wohl nicht beschließen.

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  • @ Nike (III)

    Noch weniger wissen Sie in diesem Zusammenhang offensichtlich über die verschiedenen „Aggregatzustände“ des Kapitals: „Im Grunde ist das auf Bankkonten liegende Geld das Geld, das im System zu viel ist. Es wird nicht im Wirtschaftskreislauf gebraucht oder belastet sogar.“ Ja, wo kommen denn dann grundsätzlich die „Kredite“ für das „Realkapital“ her??? Und „glauben“ Sie wirklich, dass das Geld einfach so auf den Konten „herumliegt“???
    Selbst wenn es denn, wie z.B. bei der vielzitierten „Übernachteinlage“ der EZB, „herumliegt“ – sind das alle ganz, ganz böse Menschen, die der ja ach so „hochprofitablen“ „Realwirtschaft“ deren Profit nicht „gönnen“??? Könnte es sein, dass die „Realwirtschaft“ – vollkommen unbeeindruckt von Ihrer „Moralpredigt“ – schon längst „unrentabel“ ist??? Oder warum ist denn sonst schon seit Jahr und Tag von „Anlagenotstand“, „Investitionsblasen“ und „gewaltigen Überkapazitäten“ die Rede??? Gibt es in Ihrer „Wirtschaftswelt“ überhaupt so etwas wie die konkurrenzinduzierte Produktivkraftentwicklung und der damit einhergehenden verheerenden Auswirkungen auf sowohl den „Wert“ als auch den “Mehrwert“???
    Ganz offensichtlich ist Ihnen das alles nicht geläufig – und deshalb ist Ihre „Kritik“ der „Zirkulationssphäre“ einfach nur kläglich. Doch glücklicherweise kann mensch ja dazulernen:

    http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=21&posnr=83&backtext1=text1.php


    http://www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/WiderspruchStoffFormPreprint.pdf


  • @ Nike (II)

    Eine gar noch widerlichere Wandlung machen Sie dann durch, wenn Sie in bester - und natürlich unheimlich „demokratischer“ - „Finanzmarktmanier“ das gute alte „Risiko“ auf eben die „Allgemeinheit“ abwälzen: „Wer dann fürs Sparen belohnt werden will, muss das Geld anderen zur Verfügung stellen und bekommt es zum vereinbarten Zeitpunkt zurück (mit Risiko, wie heute auch).“.
    Summa summarum ist Ihre „Kritik“ nichts als schäbiges Nörgeln darüber, wer welchen Teil des abgepressten Kuchens bekommt – der pure Neid.

    Erschreckend jedoch ist Ihre abgrundtiefe Unwissenheit über ökonomische Zusammenhänge im Allgemeinen – und den kapitalistischen Reproduktionsprozess im Besonderen.
    Da mutiert „Geld“ zu einem „einfach herzustellenden“ „Ding“ – beliebig „produzierbar“ wie Tische. Ja, Sie behaupten allen Ernstes, dass „Geld“ „sich aus sich selbst vermehren“ würde - und haben somit die Alchemie neu erfunden. Applaus! Dummerweise wusste schon 1682 ein gewisser William Petty: "Wenn sich der Reichtum einer Nation durch eine Verordnung verzehnfachen ließe(wozu nun mal auch das „Herstellen“ von „Geld“ gehört), wäre es eigenartig, dass unsere Regierungen derartige Verordnungen nicht schon längst erlassen haben."

  • @ Nike (I)

    Was Sie schreiben ist wirklich starker Tobak. Sie bringen aber auch so ziemlich alles, was mensch durcheinanderbringen kann, durcheinander. So will ich denn versuchen, diesen Gordischen Knoten zu lösen.
    Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass auch Sie einer verkürzten Kapitalkritik anhängen, also „Schaffendes versus Raffendes Kapital“ propagieren. Zwar hat selbst Marx dereinst geschrieben: "Das Kreditsystem, das seinen Mittelpunkt hat in den angeblichen Nationalbanken und den großen Geldverleihern und Wucherern um sie herum, ist eine enorme Zentralisation und gibt dieser Parasitenklasse eine fabelhafte Macht, nicht nur die industriellen Kapitalisten periodisch zu dezimieren, sondern auf die gefährlichste Weise in die wirkliche Produktion einzugreifen - und diese Bande weiß nichts von der Produktion und hat nichts mit ihr zu tun.“, also auch die private Verfügungsmacht über gesellschaftliche Mittel angeprangert, dennoch hört bei Marx die Kapitalkritik, im Gegensatz zu Ihnen, dort nicht auf, denn schließlich steht ja auch das Realkapital unter privater Verfügungsmacht. Und deshalb eben bleibt es – bei aller Berechtigung - verkürzte Kapitalkritik.
    Ja, Sie selbst mutieren in der Folge zu dem „Undemokraten“, den Sie selbst anprangern – und da wird es dann hochgradig heuchlerisch, aber auch erschreckend begriffsstutzig. Denn Ihrer ach so „demokratischen“ „Meinung“ nach „steht“ nur dem so genannten „Realkapital“ „Verwertung“ „zu“. Sie „stellen“ gar „demokratisch“ „fest“, dass der Sparer „gar kein Interesse an Verzinsung“ hat. Und überhaupt ist das einseitige Einstreichen des Profits durch das Realkapital die „Demokratie“ per se (bestimmt wurde in den „Betrieben“ darüber „demokratisch abgestimmt“).

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