Schuldenkrise
Tsipras will den Euro nicht mehr schlachten

Der griechische Populist Alexis Tsipras soll die Linke als Spitzenkandidat in die Europawahl führen. Bei einem Auftritt in Paris droht er mit der Einstellung des Schuldendienstes – und brüskiert viele Franzosen.
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ParisDie Hoffnung für Europas Völker kommt zu spät. Rund eine halbe Stunde lässt Alexis Tsipras, Spitzenkandidat der Linken für die Europawahl, am Dienstagmorgen eine Runde französischer und europäischer Journalisten in Paris warten, bevor er mit Frankreichs Kommunistenchef Pierre Laurent und großer Entourage eintrifft. Dafür hat er eine gute Nachricht parat: Er will den Euro nicht mehr sprengen, habe ihn genau genommen nie aufgeben wollen. Dabei ist für ihn „der Euro wie ein Gefängnis, man kommt leicht rein, aber nur schwer wieder raus“, wirft der 39-jährige leicht hin und muss über seinen eigenen Witz heftig schmunzeln.

Vielleicht hat er beim „leicht reinkommen“ an die dreisten Schummeleien der griechischen Regierungen denken müssen, mit denen sie den Beitritt erschlichen haben. Jedenfalls hat Tsipras verstanden, was manche Ökonomen immer noch nicht kapieren: Griechenland hat außerhalb des Euros keine Chance. Deswegen bleibt der Linksaußen gerne im Knast. Der sehr eigenwillige, manchmal unfreiwillige Humor ist die hervorstechende Eigenschaft der Führungsfigur der griechischen Linken, die auch im Ausland so manchen Bewunderer hat. Den Ausgangspunkt von Griechenlands Krise verortet er weit im Norden, in der Uckermark: Angela Merkel.

„Merkel will die Griechen erpressen, damit ihre rechten Freunde an der Macht bleiben, nicht wir sind antieuropäisch, sondern Merkel und ihre Strategie.“ Er spricht fließend Englisch, doch wenn es ihm auf Nuancen ankommt, weicht er lieber auf Griechisch aus. In seiner Heimatsprache spricht er eine ernste Warnung an die Franzosen aus: „Hollandes Austeritätspolitik wird das Land verarmen lassen, dann rückt es nach Süden“, obwohl es eigentlich an den Rhein gehöre, „die natürliche Grenze“. Was der Rhein mit der Eurokrise zu tun hat, wird nicht ganz deutlich, aber das mag an der Übersetzung liegen.

Ich kann Tsipras nicht das Wasser reichen, darf ihm aber Kaffee einschenken. Frisch gestärkt, entwirft er sein Programm für die Rettung Griechenlands und Europas: Ein Schuldenschnitt von mindestens 60 Prozent ist die Lösung. „Neue Kredite und Schulden bringen uns nicht weiter, wir brauchen einen internationalen Gipfel, der uns einen großen Teil der Schulden erlässt, danach ein Moratorium für die Rückzahlung der Restschuld, eine mutige Entscheidung für einen New Deal mit Investitionen in die Realwirtschaft und die Umverteilung des Reichtums.“ Wow!
Tsipras Partner Laurent von den französischen Kommunisten blickt an dieser Stelle ziemlich nachdenklich auf den Tisch – vielleicht rechnet er gerade aus, was dieser große Wurf die französischen Steuerzahler kosten würde.

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"Wir wollen nur den Erlass der alten Kredite"

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  • Zitat:
    "Als deutscher Steuerzahler habe ich es restlos satt, für Betrüger, Ganoven und Kleptokraten in Griechenland, Italien und Spanien zu arbeiten. Ich will, dass meine Steuern in Deutschland bleiben. Griechenland kann sich die 200 Millionen Euro, die seine Kleptokraten in der Schweiz und anderswo gebunkert haben, zurückholen. Die brauchen kein Geld von uns! Es reicht mit der Plünderungs-EU. Ich war überzeugter Europäer, aber dieses Verbrecher-Europa, das nur noch dazu dient, deutsches Vermögen zu plündern, will ich nicht mehr!

    Sofort raus aus dem Euro! Wiederherstellung der Eigenverantwortung und Haftung der Staaten für die eigenen Schulden! Nie wieder CDU/SPD/FDP/Grüne, die Steigbügelhalter der Süd-Oligarchie und der Banken! Nur die Alternative ist überhaupt noch wählbar!"
    / Zitat Ende

    Diese aus Halbwissen resultierende naive Sichtweise ist gefährlich! Ohne die Schulden anderer Länder kein Handelsüberschuss bei uns, was weniger Aufträge der Industrie und somit weniger Arbeitsplätze bedeuten würde. Die schönen Renten für unsere jetzige Rentner müssten halbiert werden, Pensionen um 40% zurückgefahren werden und all die Löhne und Bezüge halbiert werden bei steigenden Lebenserhaltungskosten! Sie werden nur noch Brot in Rapsöl essen wenn der deutsche Vorteil gegenüber den anderen EU-Länder zurück abgewickelt werden sollte. Es ist aktuell wie mit der Schweiz, nicht nur die Rosinen picken! Wenden Sie sich lieber an unsere politische Vertreter, die weiterhin die deutsche Industrie auf Kosten der immer ärmeren deutschen und europäischen Haushalte subventioniert werden und so auch noch den europäischen Wettbewerb verzerren.
    Unlauter Wettbewerb wird von unserer Regierung gefordert und aggressiv verteidigt. Opfer sind erneut die anderen EU-Staaten die sich den Vorgaben aus Berlin zu beugen haben. Aber auch ich verdränge diesen Gedanken häufig. Vermutlich konnten die Menschen bis 45 das ganze nur auf diese Weise aushalten.

  • @ Widerstand
    Wenn Sie es satt haben, warum hören Sie dann nicht einfach auf zu arbeiten, oder beschränken sich damit soweit, dass Sie Steuerzahlungen weitestgehend vermeiden? Das ist doch gerade das Paradox. Die Deutschen erarbeiten den Wohlstand für halb Europa und bieten den auch noch so billig an, dass es sinnlos ist, lokale Wirtschaftskreisläufe außerhalb Deutschlands aufzubauen. Ihre Ersparnisse legen sie so an, dass die Europäer damit die deutschen Produkte einkaufen können. Die Deutschen bezahlen quasi dafür, für andere arbeiten zu dürfen, damit unterm Strich etwas für sie selbst zum Leben übrig bleibt. Als Nichtdeutscher würde ich daran nichts ändern wollen, solange die Deutschen das mitmachen. Bequemer kann man schließlich nicht leben.
    Die AfD wird daran auch nichts ändern, denn ihrer Klientel ist es egal, ob sie nun einen Deutschen oder einen anderen Europäer ausbeutet. Sie will nur, dass die Reichen wieder selbst bestimmen, wofür ihr Geld verwendet wird. So lange sie es aber trottelig bei der EZB hinterlegen, als es in die europäische Wirtschaft direkt zu investieren, wird daraus nichts. Die Europäer sind auch nicht mehr so blöd, sich den Reichen zu unterwerfen, und drucken ihr Geld eben selbst. Warum nicht, solange man damit noch irgendwo einkaufen kann.
    Wenn es Ihnen dabei gut geht, gönnen Sie doch den anderen Ihren Spaß. Alles andere wäre vielleicht gerechter, aber dafür langweilig. Die Amis machen das schon viel länger so. Der Euro ist nicht zu retten, aber bis dahin war es für alle schön.

  • Dass der Linke nicht ganz dicht ist, hat man schon früher erkannt.

    Dass die EU und die bescheuerten Deutschen mit ihrem 27%-Abteil an den Schulden der Kredit-Betrüger jetzt das 3.Hilfspaket für die Parasiten schnüren müssen, hält der Mann für selbstverständlich.

    Nach seiner Meinung ist Merkel an allem schuld.

    Damit hat er sogar recht: Frau Merkel hat in über 20 Rettungsschirm-Sitzungen unter Verletzung aller EU-Statuten das Vermögen ihrer Landsleute zum Club Med transferiert - zumindest bei den Griechen ohne Chance einer Rückzahlung der hunderten Milliarden.

    So etwas könnte man Veruntreuung von deutschem Volksvermögen nennen - eigentlich eine strafbare Handlung!

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