Schusswechsel
Seegefecht belastet Entspannungspolitik in Korea

Ein Schusswechsel zwischen nord- und südkoreanischen Patrouillenbooten im Gelben Meer gefährdet die eingeleitete Annäherung zwischen beiden Staaten. Doch trotz militärischer Provokationen kommt die Regierung im Süden dem kommunistischen Bruderstaat im Norden weiter entgegen.
  • 0

SEOUL. Laut Generalstab in Seoul hatte das nordkoreanische Schiff die Grenzlinie vor der Westküste verletzt und war 1,3 Kilometer weit in südkoreanisches Territorium vorgedrungen. Allerdings liegt die fragliche Stelle in einem Seegebiet, das beide koreanische Staaten für sich beanspruchen.

Seoul ist nun bemüht, den Schaden für die Entspannungspolitik mit dem kommunistischen Nachbarn zu begrenzen: „Präsident Lee Myung-Bak hat die Armee angewiesen, entschieden, aber besonnen zu reagieren und die Lage nicht weiter eskalieren zu lassen“, zitiert die Nachrichtenagentur Yonhap einen Regierungsvertreter.

„Politik des beiderseitigen Nutzens“

Der Zwischenfall durchkreuzt die neue südkoreanische Strategie im Umgang mit dem verfeindeten Bruderland: „Wir versuchen, eine Politik des beiderseitigen Nutzens zu verfolgen“, sagte Lim Byeong-Cheol, Spitzenbeamter im Ministerium für Wiedervereinigung in Seoul. Die Regierung versucht derzeit, Pjöngjang in Verhandlungen über atomare Abrüstung einzubeziehen. Auch wenn Seoul den Politikwechsel nicht direkt zugibt, klingen die Töne ganz anders als zu Lees Amtsantritt im Februar 2008. Damals hatte der Staatschef die „Sonnenscheinpolitik“ seines Vorgängers als zu nachgiebig verdammt und politisches Wohlverhalten als Gegenleistung für Wirtschaftshilfe verlangt.

Doch die Lage hat sich seitdem gewandelt. Nordkorea hat mit einem weitgehend erfolgreichen Atomtest eine neue Stufe der Gefährlichkeit erreicht. Hinzu kommt, dass die Gesundheit von Machthaber Kim Jong-Il offenbar angeschlagen ist. Stirbt der Diktator, könnte der Norden gefährlich instabil werden. Doch vor allem verfolgt die US-Regierung unter Präsident Barack Obama einen diplomatischeren Kurs und schwört auch seine Verbündeten in Seoul auf größere Kompromissbereitschaft ein.

Gleicher Lebensstandard für alle

Der Süden zielt laut Lim nun darauf ab, die Lebensverhältnisse in ganz Korea anzugleichen. So soll sich durch Ausbildungs- und Finanzhilfe die jährliche Wirtschaftsleistung nördlich der Grenze in zehn Jahren auf 3 000 Dollar pro Kopf verdoppeln. Auch beim Aufbau besserer Beziehungen zum Ausland will Seoul helfen. Und falls Nordkorea nuklear abrüstet, würde der Süden sogar den Bestand des Regimes garantieren.

Doch Kim weiß, dass die beste Garantie für seine Dynastie die militärische Abschreckung ist. Deshalb lässt er sein Atomprogramm vorantreiben, Raketentests durchführen und die Marine in südkoreanisches Seegebiet vorstoßen. Doch trotz des Säbelrasselns zeigt auch Pjöngjang Entgegenkommen. Die Staatsmedien berichteten zuletzt von besseren innerkoreanischen Beziehungen. Auch eine Fortsetzung der Sechsparteiengespräche über das Atomprogramm ist wieder in greifbare Nähe gerückt. Und in der gemeinsamen Sonderwirtschaftszone Kaesong läuft die Produktion wieder.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

Kommentare zu " Schusswechsel: Seegefecht belastet Entspannungspolitik in Korea"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%