Schweinefleisch
EU will Preisverfall stoppen

Der deutsche Dioxin-Skandal lässt Bauern in ganz Europa zittern. Mit Russland verhängt nun einer der größten Importeure einen Einfuhrstopp für europäisches Schweinefleisch - und treibt die Preise damit in den Keller.

BerlinTrecker verstopfen am Samstag die Zufahrt zum Regierungsviertel in Berlin. Aufgebrachte Bauern und 22 000 Demonstranten verlangen mit "Wir haben es satt"-Transparenten lautstark die Agrarwende - weg von der angeprangerten "Aldisierung" der Landwirtschaft mit immer mehr, immer billigeren und immer schlechteren Nahrungsmitteln.

Während die Demonstranten vom Messegelände der "Grünen Woche" zum Brandenburger Tor ziehen, beraten Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und 50 Kollegen aus aller Welt, wie Agrarspekulanten und der Hunger in der Welt bekämpft werden können - und wie sich Europas Bauern vor der Pleite schützen lassen. Denn seit Ausbruch des Dioxin-Skandals geraten Landwirte europaweit heftig unter Druck: "Der EU-Schweinemarkt steht vor einem Kollaps", warnt Patrick Vanden Avenne vom europäischen Tierfutterverband Fefac. Vor allem in Deutschland herrsche Furcht vor einem "erheblichen Absatzstau", sagt der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Jürgen Abraham: "Das ist eine harte Nummer."

Deshalb wollen die EU-Agrarminister heute in Brüssel auf einer Krisensitzung "Sofortmaßnahmen" ergreifen, wie EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos in Berlin betont. Der ruinöse Preisverfall solle gestoppt werden. In einigen EU-Ländern sind die Schweinefleischpreise inzwischen unter die Produktionskosten gesunken, haben osteuropäische Ressortchefs beobachtet. Da deutsche Landwirte nun massiv stark verbilligtes Schweinefleisch auf den Markt brächten, erlitten die heimischen Bauern massive Verluste, klagten Minister aus mehreren EU-Staaten gegenüber dem Handelsblatt.

Zugleich will nach China, Südkorea, der Ukraine und anderen Ländern nun auch Großabnehmer Russland die Grenzen dichtmachen. Ab heute gilt ein Importverbot von lebenden Schweinen nach Russland. Schweinefleischdarf nur noch ins Land, wenn amtlich bestätigt wird, dass es nicht dioxinbelastet ist.

Russland war im vergangenen Jahr mit der Einfuhr von 140 000 Tonnen einer der größten Abnehmer deutschen Schweinefleisches und droht inzwischen mit einem generellen Importstopp. Auf einer Liste, in die das Handelsblatt Einsicht nehmen konnte, haben zwei Dutzend deutsche Produzenten die Ausfuhr von Schweinefleisch nach Russland beantragt, vor allem Betriebe aus Vechta und Verden. Sergej Dankwert, Chef der russischen Agraraufsicht, hat aber "konkrete Befürchtungen, dass Deutschland Fleisch nicht vernünftig auf Dioxin testet" und es deshalb nicht importiert werden dürfe.

Die russische Agrarministerin Jelena Skrynnik sagt, dass "immer mehr Länder Verbote einführen. Das zeigt, dass die deutsche Seite nicht nur mit uns nicht gut zusammenarbeitet." Mykola Prysjachnjuk, Landwirtschaftsminister der Ukraine, verteidigt die Importhürden mit mangelnden Kontrollen in Deutschland. "Wir werden jetzt selbst jede ankommende Partie Fleisch genau untersuchen", sagte er dem Handelsblatt. Laut nordrhein-westfälischem Agrarministerium war belastetes Frittieröl die Quelle des Dioxins im Tierfutter. Der Futtermittelproduzent Harles & Jentzsch soll es ins Futter gemischt haben. So gelangte es in Eier, Hühner- und Schweinefleisch.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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