Schweiz
Der August Bebel von Bellinzona

Der Traum vom ewigen Arbeitsfrieden in der Schweiz bröckelt. Jetzt streikt die Gewerkschaft Unia im Tessin gegen die Bahngesellschaft SBB. Sie droht, die Gotthard-Strecke und damit die wichtigste Nord-Süd-Verbindung für die Eisenbahn in Europa zu blockieren.

BELLINZONA. Das Tal wird hier hinten im südschweizerischen Bellinzona enger. Die Berge bis hinauf zum Gotthard wirken wie riesige Mauern, über die der Rest der Welt nur in Ausnahmefällen hinüberschaut. Die fensterlose Betonhalle schirmt die rund 300 Bahnarbeiter, ihre Frauen, ihre Kinder, ihre Hunde wie ein Bunker vor den näher rückenden Einschlägen des Wettbewerbs ab. Und wenn Gianni Frizzo, grauer Haarschopf und Vollbart, im karierten Baumfällerhemd „Giu le mani“ ruft, „Lasst die Hände davon“, erheben sich Hunderte Fäuste, Hunderte Kehlen stimmen ein.

Frizzo ist ein Arbeiterführer, wie ihn sich August Bebel nicht besser hätte wünschen können. Das Ungewöhnliche ist, dass Frizzo Schweizer ist: Tessiner, um genau zu sein. Seine Gewerkschaft, die Unia, sorgt derzeit dafür, dass der Mythos von der Schweiz als jenem Land in Europa, das keine Streiks kennt, auf dem Kehrichthaufen der Geschichte landet.

Ausgerechnet hier in Bellinzona, wo das Leben vor 120 Jahren mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke durch den Gotthard erst richtig begann, plant die in die roten Zahlen gerutschte Gütertransportabteilung der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) einen rigiden Schnitt: Die Werkstatt für Lokomotiven, die es hier auch schon seit 120 Jahren gibt, will SBB-Chef Andreas Meyer dichtmachen. Das Sparprogramm ist eine Folge davon, dass die SBB sich verkalkuliert hat, als sie die deutsche Konkurrenz auf deren eigenem Gebiet angriff. Wer will, kann seine Güter zu Kampfpreisen mit der Schweizer Bahn von Rotterdam bis Genua transportieren lassen. Doch der Wettbewerb ist ruinös und der Aufwand für die SBB riesig. Die Eisenbahner in Bellinzona sollen dafür nun bezahlen. Deswegen streiken sie. Nun schon in der dritten Woche.

Wie ein wortgewaltiger Pastor auf der Kanzel steht Frizzo auf einem Holzpodest in der Betonhalle. Heute Morgen um sieben, als er die nach Maschinenöl riechende Halle betrat und der Streik wieder von vorn begann, hat er in müde Gesichter geschaut, in verweinte Augen. Jetzt am Nachmittag brodelt die Stimmung wieder: „Giu le mani!“ ertönt der Schlachtruf. Die Unia droht, die Gotthardstrecke und damit die wichtigste Nord-Süd-Eisenbahnverbindung in Europa zu blockieren, falls der Bund als Eigentümer der SBB den Konzernchef nicht zum Einlenken zwingt.

„Unia“, der Name steht überall. Auf Fahnen, auf roten Ansteckern, sogar auf dem Cover einer CD mit Streikliedern. Eigentlich müsste nicht sie hier Wortführer sein, sondern die Transportgewerkschaften SEV und Transfair. Sie haben die Arbeitsverträge mit der SBB ausgehandelt. Aber ginge es nach ihnen, hätten sich die Bahnarbeiter an die vertraglich vereinbarte Friedenspflicht halten müssen.

Nun stehen zwei Funktionäre mit dunkler SEV-Jacke hinter Frizzo, als der in die Menge ruft. Einer telefoniert hektisch. Der Streik ist ihnen entglitten. Wenn sie nicht abseits stehen wollen, müssen sie auf den Zug, den die Unia in Bewegung gesetzt hat, aufspringen. „Wir stecken in der Zwickmühle“, sagt Beat Zürcher, Chef des Regionalsekretariats der Gewerkschaft Transfair in Zürich.

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