Schweiz
Geschenktes Geld – fürs Nichtstun

Für die eigene Existenz bezahlt werden? In der Schweiz wird das womöglich Realität. Ein Interview mit Philip Kovce, dem Vordenker des bedingungslosen Grundeinkommens, über Arbeitseinstellung, Entlohnung und Wertschätzung.
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ZürichDie Idee klingt revolutionär und verrückt: Jeder Bürger soll ohne jede Bedingung ein Grundeinkommen von 2500 Franken pro Monat erhalten. Das Konzept wird seit Jahrzehnten von Ökonomen diskutiert und untersucht – nun bekommt es durch eine Schweizer Volksinitiative einen neuen Schub. Am 5. Juni stimmen die Eidgenossen über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ab.

Diese Idee ist an sich nicht neu, praktisch umgesetzt wurde sie aber noch nie. Noch nicht. In Finnland etwa startet demnächst ein Experiment, das diese Art des Grundeinkommens auf die Probe stellen soll. Dort allerdings sollen andere Unterstützungsleistungen im Gegenzug gekürzt werden.

Der Philosoph und Ökonom Philip Kovce ist einer der Vordenker der Schweizer Initiative. Das Handelsblatt hat den Co-Autor des Buches „Was fehlt, wenn alles da ist? Warum das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Fragen stellt“ in der Nähe von Zürich getroffen.

Herr Kovce, die Schweizer haben bei einer Volksabstimmung die Einführung einer fünften bezahlten Urlaubswoche abgelehnt. Wie können Sie glauben, dass ausgerechnet die fleißigen Schweizer einem bedingungslosen Grundeinkommen zustimmen werden?
Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine Faulheitsinitiative. Ganz im Gegenteil. Wir wollen damit die Grundlage für die zukünftige Leistungsgesellschaft etablieren.

Das müssen Sie erklären…
Aufgrund der digitalen Revolution fallen viele Routinejobs weg, auch im Dienstleistungsbereich. Wir brauchen bald keine Anwälte mehr, die sich durch Urteilssammlungen quälen, um Zitate zu finden. Das erledigen Maschinen. Es bleiben uns ausschließlich jene Tätigkeiten, bei denen wir auf die menschlichen Fähigkeiten nicht verzichten wollen. Das betrifft bei Richtern die freie Beweiswürdigung und das gerechte Urteil – aber es betrifft auch menschliche Zuwendung in der Schule, im Pflegeheim oder im Krankenhaus. Die Aufgaben der Zukunft werden wir nur dann gern und gut erfüllen, wenn wir sie freiwillig ergreifen.

Wenn aber niemand mehr arbeiten muss, drohen dann nicht gerade die schweren Pflege-Jobs zu verwaisen?
Wenn wir nicht wollen, dass das eintritt, müssen wir die Wertschöpfung dieser Arbeit besser wertschätzen. Außerdem erlaubt das Grundeinkommen Familienmitgliedern, sich um ältere Angehörige zu kümmern. Diese Arbeit wird derzeit überhaupt nicht honoriert, obwohl sie gesellschaftlich wertvoll ist. Außerdem zeigen Studien, dass nur ein kleiner Bruchteil aufhören würde zu arbeiten, wenn es ein Grundeinkommen gäbe. Wir wollen nicht die Arbeit abschaffen, sondern die Arbeit vom Zwang befreien. Wenn die Menschen die Wahl haben zu arbeiten, aber es nicht müssen, dann arbeiten sie mit mehr Freude und sind leistungsbereiter. Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens würde die bezahlte Erwerbsarbeit also nicht abschaffen.

Aber wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht einfach ungerecht, weil es auch jene bekommen, die für sich selbst sorgen könnten?
Wir leben in einer eingebildeten Selbstversorgungsgesellschaft. Selbstversorgung funktioniert schon heute nicht mehr, denn jeder von uns ist in einer arbeitsteiligen Wirtschaft auf andere angewiesen. Statt eines Existenzwettbewerbs wollen wir einen Exzellenzwettbewerb entfachen. Dass wir uns im heutigen Überfluss noch einen Existenzwettbewerb leisten, ist weder ethisch noch ökonomisch sinnvoll. Das Grundeinkommen ändert auch die Machtverhältnisse zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wenn niemand mehr wirklich arbeiten muss, können Arbeitgeber ihre Leute auch nicht mehr ausbeuten. Anderseits können sie sich der Motivation ihrer Mitarbeiter sicher sein - denn die kommen ja aus freien Stücken.

Klingt zu schön, um wahr zu sein. Aber wie soll das finanziert werden?
Die Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens ist ein Nullsummenspiel. Da jeder ein Grundeinkommen erhalten wird, sinken die bestehenden Einkommen im Prinzip in Höhe des Grundeinkommens. Die Gesamtkosten bleiben gleich, da die Abgaben, die das Grundeinkommen finanzieren, entsprechend steigen. Beim Staat fallen zudem riesige Einsparungen an, weil die Kontrollbürokratie, welche den Dschungel der heutigen Sozialleistungen verwaltet, größtenteils wegfallen könnte.

Das Ganze funktioniert aber nur, wenn die Leistungsträger sich nicht in die Hängematte legen.
In der Hängematte liegen die wenigsten - und die meisten aus Trotz oder Verlegenheit. Das Grundeinkommen ermöglicht uns, die Arbeit zu tun, die wir sinnvoll finden und die gebraucht wird. Wir werden also produktiver und leistungsfähiger. Für die Aufgaben der Zukunft ist Freiwilligkeit die Voraussetzung.

Glauben Sie aber wirklich, dass die Initiative am 5. Juni eine Mehrheit bekommt?
Wir werden gewinnen, aber nicht die Mehrheit. Der Vorstoß ist allein schon deshalb ein Erfolg, weil die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen international enorm an Schub gewonnen hat. Noch nie ist so intensiv darüber diskutiert worden. Darauf lässt sich aufbauen.

Kommentare zu " Schweiz: Geschenktes Geld – fürs Nichtstun"

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  • @roehl
    Sehr geehrter Herr Roehl,
    Sie scheinen sich mit dem Konzept des BGE ja herzlich wenig auseinandersetzt zu haben - anders ist ihre "Logik" nicht nachvollziehbar.

    Vom Konzept her ist das BGE ist ja keine "Ersatzleistung" fürs Arbeiten, sondern eine "Zusatzleistung".
    Arbeiten, die sich -rein auf Basis des homo-oeconomicus- HEUTE nicht rechnen, da die Ersatzleistungen (Hartz IV, AL-Geld) dazu in Konkurrenz stehen, können dann wieder ausgeführt werden.
    Im Gegensatz zum heutigen System: Arbeiten ODER Staatsknete -> Substitut
    Steht beim BGE: Staatsknete UND OPTIONAL Arbeiten -> Komplementär (da sich die Ausübung ohne die Staatsknete nicht rechnet / nicht zum überleben reicht)

    Fazit: viele -vor allem die Schönen- Dinge, welche sich heute nicht rechnen / dem Leistungserbringer nicht zum überleben reichen, könnten dann ausgeführt werden.

    Im übrigen: Glück & Glückseeligkeit hängen an der Leistungserbringung. Im Flow ist nur, wer was tut. Durch das BGE wird die gesellschaftliche Anerkennung der Leistung von der dafür erhaltenen Entlohnung ein wenig entkoppelt: Die Leistungserbringung per se steht dann im Vordergrund - und nicht mehr so sehr der Broterwerb.

    Und wirklich gute Leistungen erbringen wir doch nur, wenn's auch Spaß macht.
    Oder anders ausgedrückt: Wenn bei gleicher Befähigung dem einen die Arbeit Spaß macht - dem anderen aber nicht: wer wird dann wohl das Bessere liefern?

  • Wer ist Deutscher? Ist also der Türke ohne Doppelpass vom BGE ausgeschlossen? Obwohl er seit Jahrzehnten brav Steuern und Abgaben entrichtet? Wohl kaum umzusetzen!
    Die praktische Umsetzung wird in jedem Falle scheitern! Außerdem haben wir ein Grundeinkommen - Hartz IV! Nicht ganz bedingungslos, aber fast. Der mangelnde Wille zu eigener Arbeit ist ja, glaubt man den BGE-Befürwortern, kein Problem. Dem gegenüber stehen ca. 1 Million Sanktionierungen durch die Job-Center allein in 2015.

  • @Annonymicus, mit Logik haben sie es nicht so sehr, oder? Natürlich müssten die Löhne steigen, um noch einen genügenden motivierenden Abstand zu haben. Darüber hinaus würde die Schwarzarbeit neue Blüten treiben

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