Schweizer legen an: Kapitalflucht nach Deutschland

Schweizer legen an
Kapitalflucht nach Deutschland

Im Grenzdorf Jestetten spielen sich derzeit merkwürdige Szenen ab: Die Parkplätze in der 5000-Seelen-Gemeinde sind fast täglich gefüllt mit Autos mit Schweizer Kennzeichen. Kunden tragen ihre Geldkoffer in die beiden einzigen Banken des Ortes. Die kleinen Filialen von Volksbank und Sparkasse stehen bei den Eidgenossen hoch im Kurs. Das Konto mit gewöhnlicher Plastikkarte reizt sie aus ganz bestimmten Gründen.

JESTETTEN. Blauburgunderland nennen sich die sanft geschwungenen Hügel bei Schaffhausen. Wer von Zürich den kürzesten Weg hierher wählt, muss zweimal den Pass zücken, weil er einige Kilometer durch deutsches Gebiet reist. Jestetten heißt die 5000-Seelen-Gemeinde, die er dann passiert. Der Ort ist auf drei Seiten umgeben von Schweizer Gebiet. Nur eine Volksbank und eine Sparkasse machen den Finanzplatz Jestetten aus. Er steht gleichwohl bei Schweizern hoch im Kurs.

Während Finanzminister Peer Steinbrück mit der jährlich anonym überwiesenen Zinsertragssteuer aus der Schweiz, die ihm von deutschen Kontoinhabern zufließt, in Berlin keine großen Löcher stopfen kann, könnte es sich für Steinbrücks Kollegen aus Bern, Hans-Rudolf Merz demnächst lohnen, ein kritisches Auge Richtung Jestetten zu werfen. Denn dass die Eidgenossen ihr Geld nicht zuletzt aus dem gleichen steuerlichen Grund ins Ausland schaffen wie die Deutschen – nur eben in die umgekehrte Richtung –, daraus machen die Bankenberater in Jestetten keinen Hehl.

Christian Merx beispielsweise ist hier Leiter der Vermögensberatung bei der Volksbank. Das Gebäude an der Schaffhauser Straße, in dem er arbeitet, sieht mit seinen vier von halb heruntergelassenen Rollos verdeckten Fenstern im Obergeschoss ein wenig aus wie ein Wohnhaus im Mittagssschlaf. Tatsächlich aber geht drinnen für Jestetter Verhältnisse die Post ab. Vier von sechs Autos, die auf dem Kundenparkplätzen stehen, tragen ein Schweizer Kennzeichen. Rund eine halbe Million Euro, die in der Schweiz verdient wurde, hat Merx allein in den vergangenen zwei Wochen neu entgegengenommen und auf die entsprechenden Konten seiner Schweizer Volksbank-Kunden verteilt.

„Mancher Kunde kommt mit dem Geldkoffer“, sagt der Vermögensberater. Ob die Eidgenossen die Zinsen, die ihr Geld in Deutschland abwirft, bei ihrem kantonalen Steueramt angeben, „können wir nicht beurteilen“, erklärt Merx – und es klingt nicht danach, als würde er sich gerne die Mühe machen, es beurteilen zu müssen. Klar ist nur, dass die benachbarten Behörden aus dem Land, das weder der Europäischen Union (EU) noch dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) angehört, einigen Aufwand betreiben müssten, wenn sie ihren Staatsbürgern auf die Schliche kommen wollten.

Und so machen denn Volksbanken und Sparkassen im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet munter Werbung um die lukrative Klientel aus der Alpenrepublik. „Zinserträge ohne Steuerabzug“ für Schweizer Kunden stellt die Volksbank Jestetten auf ihrem Selbstporträt als gewaltigen Pluspunkt heraus. „Als Schweizer Staatsbürger bekommen sie Zinserträge ohne Steuerabzug ausbezahlt – das lohnt sich!“ wirbt auch die Konkurrenz von der Sparkasse Hochrhein auf einer eigenen Seite ihrer Homepage um die finanzstarken Eidgenossen. Merx und sein Kollege Bernhard Behringer von der Sparkasse in Jestetten nennen aber noch andere, ganz handfeste Vorteile, warum es sich für die Eidgenossen lohnt, bei den Filialen im Grenzgebiet eine kreative Pause einzulegen.

Die Zinsen selbst sind in Deutschland viel höher als in der Schweiz. Die Großbanken UBS und Credit Suisse legen bei einem Privatkonto müde 0,125 Prozent obendrauf. In Jestetten sind es je nach Produkt mehr als drei Prozent.

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