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12.06.2008  | Aktualisiert 24.06.2008, 13:25 Uhr 
Alpine Energiepolitik

Schweizer treiben Atomkraft voran

von Jan Dirk Herbermann

In der Schweiz kommt rund 39 Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken. Nicht genug, finden die Eidgenossen. Anders als der große Nachbarn Deutschland wollen sie den Anteil der Atomenergie ausbauen und planen bereits drei neue Meiler. Atomgegner kündigen schon jetzt Proteste an.

Die Schweiz setzt künftig auf Atomkraft und rechnet mit Protesten. Foto: dpaLupe

Die Schweiz setzt künftig auf Atomkraft und rechnet mit Protesten. Foto: dpa

GENF. In der Schweiz wollen Stromkonzerne der Kernenergie einen kräftigen Schub geben: Drei Versorger planen drei neue Atomkraftwerke (AKW). Den ersten Schritt machte die private Firma Atel, die für rund sieben Mrd. Schweizer Franken einen modernen Leichtwasserreaktor in der Nähe der deutschen Grenze bauen will. Ein Gesuch für das Projekt Gösgen II im Kanton Solothurn reichte die Firma beim Schweizer Bundesamt für Energie ein. Zuletzt ging in der Schweiz vor knapp einem Vierteljahrhundert ein AKW in Betrieb.

Die Gegner der Nukleartechnologie kündigten postwendend Widerstand an: Sie wollen ein Referendum erzwingen: Das Volk solle letztlich über die Genehmigung von Gösgen II entscheiden. "Die größte Hürde ist die Meinung des Volkes", räumte der Chef des Stromversorgers Atel, Giovanni Leonardi, ein. "Uns ist klar, dass wir das Kernkraftwerk nur bauen können, wenn es uns gelingt, die Stimmbürger davon zu überzeugen."

Auch die öffentlichen Energieversorger Axpo und BKW planen, ihre Atomstromproduktion auszuweiten: Beide Firmen wollen noch in diesem Jahr den Schweizer Behörden Gesuche für je ein neues Kernkraftwerk präsentieren.

Der Streit über neue AKW-Bewilligungen findet vor dem Hintergrund neuer Rekordpreise für Erdöl und der Diskussion über den geplanten Atomausstieg in Deutschland statt. So drängte gestern der deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos auf eine Verlängerung der begrenzten Laufzeiten für deutsche Atomkraftwerke. Die hohen Energiepreise geben Atomkraft-Befürwortern neue Argumente. Zuvor schon wollte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Bundeskanzlerin Angela Merkel für den Bau neuer Meiler gewinnen. Die deutsche Regierungschefin sieht sich aber an den von der rot-grünen Bundesregierung beschlossenen schrittweisen Atomausstieg gebunden.

Der erste Strom aus Gösgen II soll 2025 fließen, so die Kalkulation. Die Leistung - 1100 bis 1600 Megawatt - würde fast alle Schweizer Werke übertreffen. Auch soll der Meiler die Atmosphäre weniger belasten. Dank neuer Technologie werde die Wärme ohne Dampfschwaden aus dem 60 Meter hohen Kühlturm entweichen, verspricht Atel.

In der Schweiz liefern bereits fünf Atomkraftwerke rund 39 Prozent der Stromproduktion des Landes - mit Wasserkraft erzeugen die Eidgenossen rund 57 Prozent ihres Stroms. Die Atommeiler befinden sich im Nordwesten der kleinen Schweiz. Das 1984 in Betrieb genommene Leibstadt liegt unmittelbar an der Grenze zu Deutschland. Voraussichtlich 2020 werden die drei ältesten Schweizer AKW abgeschaltet. Zusätzlich laufen in den nächsten Jahren Importverträge über Atomstrom mit Frankreich aus.

"Für die langfristige, unabhängige Stromversorgung der Schweiz braucht es Kernkraftwerke", unterstreicht Atom-Manager Leonardi. Der Schweizer Wirtschaftsverband Economiesuisse begrüßt den Plan. Gösgen II werde mit "hoher Wahrscheinlichkeit" realisiert, hofft Economiesuisse. Zunächst aber müssen Bundesregierung und Parlament dem Projekt ihren Segen geben. Das Kabinett ist grundsätzlich vom Nutzen der Kernkraft überzeugt. 2013 könnte das Volk abstimmen.

Rennaissance der Kernkraft in Europa

Der Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 versetzte der Kernkraft in Europa einen Dämpfer. Einige Länder wie Italien stiegen bereits aus, andere wie Deutschland wollen alle Meiler vom Netz nehmen. Gerade startet aber ein neuer Boom.

Vorreiter Finnland

Finnland leitete mit dem Bau seines fünften Atomreaktors die Renaissance ein: Erstmals seit Tschernobyl beschloss ein Land, wieder in Kernenergie zu investieren. Der neue 1600-Megawatt-Meiler ist Europas größter Druckwasserreaktor. Das vom französisch-deutschen Konsortium Framatome geplante AKW in Olkiluoto soll erst 2011 ans Netz, doch schon wird der sechste Reaktor diskutiert.

Große Pläne in London

Industrieminister John Hutton will "so schnell wie möglich neue AKWs bauen". Derzeit stammen etwa 18 Prozent des britischen Stroms aus Atommeilern, die aber bis auf zwei bis 2020 vom Netz gehen müssen. Im Januar gab die Regierung grünes Licht für den Bau neuer AKWs. Bis 2018 sollen zunächst sechs gebaut werden. Langfristig soll der Anteil des Atomstroms auf 40 Prozent steigen.

Frankreich baut aus

Der staatliche Stromriese EDF baut seit 2006 im nordfranzösischen Flamanville einen Meiler, den Siemens und Areva entwickelt haben und der 2012 ans Netz gehen soll. EDF produziert 87 Prozent des Stroms aus Atomkraft. Auch Belgiens Stromriese Suez will ein AKW in Frankreich bauen.

Italien schwenkt um

Italien, das sich nach Tschernobyl per Referendum von der Kernenergie verabschiedet hat, will zur Atomkraft zurückkehren. Premier Silvio Berlusconi kann dabei auch auf Stimmen der Opposition zählen. Der Energiekonzern Enel plant vier bis fünf AKW. Im Gespräch ist, in Albanien ein AKW für die Versorgung Italiens zu bauen.

Osteuropa modernisiert

Auch Tschechien, Rumänien und Polen wollen moderne Meiler bauen. In Litauen wird nach der von der EU verlangten Schließung eines AKWs erwogen, mit Polen ein Neues zu bauen. Enel will trotz der Kritik von Umweltschützern im slowakischen Mochovce einen Reaktor aus Sowjetzeiten weiterbauen.

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