Schwere Angriffe vor Waffenruhe
Sieg mit flauem Gefühl

Nach mehr als einem Monat blutiger Kämpfe sollen im Libanon von Montag an die Waffen schweigen. Doch die Waffenruhe lässt die Israelis mit Gefühl eines Pyrrhussieges zurück. Zudem könnte die Waffenruhe noch an Streitigkeiten im libanesischen Kabinett scheitern. Eine wichtige Sitzung musste bereits verschoben werden.

HB BEIRUT/TEL AVIV . Eine Sitzung des libanesischen Kabinetts zur Umsetzung des Waffenstillstands zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz ist am Sonntag bis auf weiteres vertagt worden, wie ein Berater von Ministerpräsident Fuad Siniora mitteilte. Berichten zufolge sind die Minister tief zerstritten über die Forderung nach einer Entwaffnung der Hisbollah. Die Verschiebung der Kabinettssitzung könnte die Stationierung von 15 000 libanesischen Soldaten im Süden des Landes verzögern.

Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert will das Ergebnis des Waffenganges gegen die von Iran unterstützte Hisbollah-Miliz als Sieg für sein Land verstehen. „Wir haben nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch im diplomatischen Ringen gewonnen“, wurde der Regierungschef am Sonntag zitiert. Doch in den Augen vieler Israelis handelt es sich um einen Pyrrhussieg, der sie mit einem flauen Gefühl zurücklässt. „Noch so ein Sieg und ich bin verloren“, soll der König und Heerführer Pyrrhus nach seinen Schlachten gegen die Römer erklärt haben.

„Aus strategischer Perspektive müssen wir zugeben, dass die Hisbollah in dem Krieg nicht besiegt wurde“, zitierte die israelische Zeitung „Jediot Achronot“ am Sonntag einen ranghohen Vertreter der Sicherheitsbehörden, der nicht namentlich genannt wird. „Das ist der Schwachpunkt. Die nächste Runde zwischen uns und Iran, der hinter der Hisbollah steckt, ist unvermeidbar. Ich hoffe nur, dass wir das nächste Mal besser auf diese schwierigen Herausforderungen vorbereitet sind.“

Israel hat einen Abzug seiner Truppen aus dem Libanon von Bedingungen abhängig gemacht. Die israelische Armee werde den Süden des Landes erst verlassen, wenn dort gemäß einer UN-Resolution internationale sowie libanesische Truppen stationiert seien, sagte die israelische Außenministerin Zipi Livni am Sonntag vor Journalisten. Israel werde nur parallel zum Vorrücken von UN-Soldaten und libanesischen Kräften abziehen - und nicht etwa, wenn einzelne Soldaten des Libanon die Israelis bei ihrem Eintreffen zum Abzug aufforderten.

Am Wochenende nutzte die israelische Armee ihre offenbar letzte Chance für einen schnellen Vormarsch im Süden Libanons. In einem Rennen gegen den von diplomatischen Entwicklungen vorgegebenen Zeitplan rückten zehntausende Soldaten mit großen Panzerverbänden bis zu dem Fluss Litani vor. Mindestens 24 Soldaten und mehr als 60 Hisbollah-Kämpfer wurden dabei nach israelischen Angaben getötet. Die Miliz schoss einen israelischen Hubschrauber ab. Der bisher verlustreichste Tag für die Israelis soll nun zugleich das Ende des Krieges markieren.

Unmittelbar nach einer Waffenruhe sollen libanesische Truppen in den Südlibanon einrücken und die dort stationierten UN-Truppen auf bis zu 15 000 Soldaten aufgestockt werden. Gleichzeitig soll sich Israel wieder vollständig aus dem Libanon zurückziehen.

Hauptforderungen der israelischen Regierung, wie die sofortige Freilassung zweier Soldaten und eine Entwaffnung der Hisbollah, bleiben unerfüllt. Als Erfolg wird in Israel aber die Stationierung einer vergrößerten internationalen Truppe im Grenzgebiet bewertet, die ohne den Krieg nicht wahrscheinlich gewesen wäre.

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