Schwere Anschläge
Bombenattentate verschärfen Regierungskrise im Irak

Kaum eine Woche nach dem Abzug der US-Truppen versuchen Terroristen die irakische Regierung auseinanderzubomben. Die Anschlagsserie mit fast 60 Toten schürt die Angst vor einem Wiederaufflammen religiöser Gewalt.
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BagdadBei einer Serie von offenbar koordinierten Terroranschlägen sind am Donnerstag in der irakischen Hauptstadt Bagdad mindestens 70 Menschen getötet worden. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen detonierten zwei der Sprengsätze in der Nähe eines Kinos. Bei einer Explosion im Karrada-Viertel explodierten kurz hintereinander eine Autobombe und der Sprengstoffgürtel eines Selbstmordattentäters. Wie das Gesundheitsministerium am Donnerstag mitteilte, wurden zudem 179 Menschen verletzt, als kurz hintereinander Sprengsätze in mehreren Stadtteilen explodierten. Einem Ministeriumssprecher zufolge gab es in der ganzen Stadt inmitten des morgendlichen Berufsverkehrs insgesamt zehn Bombenexplosionen. Die Anschläge wurden in den Stadtvierteln Karrada, Al-Wasirija, Al-Schaab und Al-Alwija verübt. Es sind die schwersten Anschläge im Irak seit Monaten.

Die Bombenserie droht die schwere innenpolitischen Krise zu verschärfen, in der sich der Irak befindet und die Spannungen zwischen den rivalisierenden Religionsgruppen wieder anzuheizen: Nach dem Abzug der letzten US-Soldaten am vergangenen Wochenende war der politische Streit zwischen den Schiiten und Sunniten in der Regierungskoalition eskaliert. Fast neun Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins buhlen in dem tief gespaltenen Land Schiiten und Sunniten erbittert um die Macht.

Der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki entließ seinen sunnitischen Stellvertreter Salih al-Mutlak, weil der ihn mit Saddam Hussein verglichen hatte. Al-Malikis Koalitionspartner, die sunnitische Partei Irakia, kündigte daraufhin den Boykott der Kabinettssitzungen an, nachdem sie schon seit Samstag dem Parlament ferngeblieben war. Maliki drohte der Sunniten-Partei daraufhin mit der Entlassung aller sunnitischen Minister.

Malikis Regierung der nationalen Einheit war vor genau einem Jahr nach zähen Verhandlungen der beteiligten Parteien unter Führung und Vermittlung der USA gebildet worden. Alle Gruppen hatten sich auf eine fragile Machtteilung geeinigt. Demnach hat der schiitische Ministerpräsident einen sunnitischen und einen kurdischen Stellvertreter. Dem kurdischen Präsidenten stehen je ein schiitischer und ein sunnitischer Vize zur Seite. Die Sunniten stellen wiederum den Parlamentspräsidenten - mit einem schiitischen und einem kurdischen Stellvertreter.

Zudem stellte ein Gericht in Bagdad einen Haftbefehl wegen angeblicher Terroraktivitäten gegen den sunnitischen Vizepräsidenten Tarik al-Haschimi aus. Der Politiker floh daraufhin in das von den Kurden kontrollierte Autonomiegebiet im Norden des Irak. Maliki verlangte von den ebenfalls an der Regierung beteiligten Kurden, al-Haschemi auszuliefern und sicherte dem Vizepräsidenten einen fairen Prozess zu. Haschemi, dem die Zusammenarbeit mit Todesschwadronen vorgeworfen wird, weist die Vorwürfe zurück und hat sich bereiterklärt, sich in Kurdistan den Richtern zu stellen.

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  • na bitte, die ganze Wulff Debatte ist nur initiiert worden, um das Volk davon abzulenken, was gerade in Belgien passiert.

    Oje-

    Generalstreik legt Belgien lahm
    Donnerstag, 22. Dezember 2011, 9:17 Uhr
    Belgien steht praktisch still. Die Gewerkschaften des öffentlichen Verkehrs sowie viele Beamtenverbände protestieren mit dem Generalstreik gegen die geplanten Sparmassnahmen der neuen Regierung.
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    Im nationalen Zugverkehr ging schon am Mittwoch zumindest im französischsprachigen Teil des Landes gar nichts mehr. Aber auch die Verbindungen Richtung Schweiz, Deutschland oder Frankreich waren teils bereits unterbrochen und heute Donnerstag fahren überhaupt keine Züge mehr.

  • Danke Amerika, für einen weiteren Krisenherd auf dieser Welt.
    Der Irak hatte vor der Invasion durch die Koalition der Willigen eine stabile Gesellschaft.
    Man wollte Krieg und hat ihn auch gestartet. In der üblichen Selbstüberschätzung hat man gemeint mit lächerlich wenig Soldaten, eine Stadt wie Bagdad (6Mio. Einwohner) kontrollieren zu können. Zudem - und auch das ist typisch für die Amis - hat man geglaubt, daß die Leute dort nur darauf warten, daß jemand die Burger- und Cola-Kultur ins Land bringt.
    Das Land wurde destabilisiert und seitdem herrscht Bürgerkrieg.
    Danke, Amerika!
    Aufruf an die Bundesregierung: Kein Cent deutscher Steuergelder darf direkt/indirekt in den Irak gehen. Die Koalition der Willigen (unter ihnen Polen, Dänemark, Afghanistan, Australien, Norwegen, Portugal, Spanien, Rumänien, Niederlande, Tschechei, Slowakei, Bulgarien, Italien, Japan, die Türkei und natürlich die Engländer) haben den Schaden verursacht und nun sollen sie ihn auch reparieren. Tja, und viele dieser Länder haben ein massives Problem mit ihren Staatshaushalten. Hm, von nichts kommt nichts.

  • Sofortige Rückkehr der USA in den IRAK, mit von der Partie alle Regierungsmitglieder der Busch-Atomistin, und für Ruhe und Demokratie kämpfen.
    Alle Busch, an der Spitze ihrer glorreichen Armee, was für ein Schauspiel gelle!!!
    Danke

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