Schwulenfeindlichkeit in Russland
Kriminelle Banden erpressen Homosexuelle

In Russland ist Homosexualität tabu. Die gesellschaftliche Ausgrenzung macht Schwule zur leichten Beute für Kriminelle – sie sehen „eine profitable Nische“. Die Polizei bekommt von den Erpressungen angeblich nichts mit.

St. PetersburgDer Wirtschaftswissenschaftler wusste nicht, wie ihm geschah, als mehrere Männer die Wohnung in St. Petersburg stürmten. Sie schlugen ihn nieder, bedrohten ihn und forderten Geld. Denn der Ökonom ist schwul und hatte sich über eine Dating-Webseite verabredet.

Die Gruppe, wahrscheinlich Mitglieder einer kriminellen Bande, behauptete, der Mann, mit dem der Wirtschaftswissenschaftler verabredet war, sei noch minderjährig. Wenn er nicht zahle, würden sie die Polizei einschalten und ein heimlich gefilmtes Video veröffentlichen.

Die Schwulenrechtsorganisation Vykhod (Coming-out) kennt solche Fälle. Zwölf ähnliche Taten hätten Mitarbeiter im vergangenen Jahr in St. Petersburg registriert, mindestens sechs bereits in diesem Jahr. Die Dunkelziffer ist nach Einschätzung von Aktivisten deutlich höher, denn die meisten Betroffenen wenden sich nicht an die Polizei.

Homosexualität ist in der russischen Gesellschaft kaum akzeptiert. Die meisten Schwulen verheimlichen ihre sexuelle Orientierung vor ihren Familien, Freunden und Kollegen. Damit sind sie für Kriminelle leicht zu erpressen.

Vykhod-Sprecherin Nika Jurjewa erklärt, die meisten der ihr bekannten Angriffe seien nach demselben Muster verlaufen wie der auf den Wirtschaftswissenschaftler. Und auch Alexander Losa, juristischer Berater bei der Organisation Positiver Dialog, die sich besonders an HIV-positive Homosexuelle richtet, hat von solchen Vorkommnissen gehört.

„Viele Homosexuelle in Russland führen ein Doppelleben und wollen ihre sexuelle Orientierung nicht preisgeben“, sagt Losa. „Im Fall von arrangierten Dates haben sie Angst, sich zu offenbaren, Angst, dass ihnen Missbrauch von Minderjährigen vorgeworfen wird und darum haben sie Angst, zur Polizei zu gehen.“

Die Aktivisten sind sich sicher, dass ein Gesetz aus dem Jahr 2013 den Kriminellen Vorschub leistet. Demnach handelt es sich um eine Straftat, Kinder sogenannter homosexueller Propaganda auszusetzen. Das Gesetz ist Teil der vom Kreml unterstützten Bemühungen, traditionelle Familienwerte zu schützen und dem Einfluss des von ihm als dekadent bezeichneten Westen zu begegnen.

Für den bekannten russischen Fernsehjournalisten Anton Krasowski bedeutet sein Coming-out das Ende seiner Karriere. Er wurde nach seiner öffentlichen Bekanntgabe seiner Homosexualität während einer Live-Übertragung 2013 entlassen und hat seitdem keinen neuen Job beim Fernsehen gefunden.

Krasowski glaubt, dass es noch lange dauern wird, bis Homosexuelle in Russland sich ausreichend sicher fühlen, öffentlich über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen: „Um keine Angst mehr zu haben, müssen sie dem Staat vertrauen, in dem sie leben, aber sie vertrauen dem Staat zurzeit nicht.“

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