Börsenweisheit
Politische Börsen haben kurze Beine. Oder nicht?

Das Schottland-Votum hat das Zeug, die Märkte in Aufruhr zu versetzen. Die Ukraine-Krise könnte immer noch eskalieren. Doch an der Börse herrscht eitel Sonnenschein. Gehen wir zu sorglos mit den politischen Querelen um?
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DüsseldorfKnapp 4,3 Millionen Schotten stimmen in diesen Stunden über ihre Unabhängigkeit ab. Sollten sie sich von England lossagen, dürfte das zu einiger Unruhe an den Märkten führen. Die Angst ist groß: Stürzt die Börse ab? Gerät der Euro unter massiven Druck? Was wird mit dem Pfund? Wie stark leidet die britische Wirtschaft? Bricht etwa die Europäische Union auseinander, weil Separatisten in anderen EU-Staaten Rückenwind erhalten?

Laut jüngster Umfragen haben die Gegner einer Unabhängigkeit Schottlands einen leichten Vorsprung - das Lager der Befürworter hatte in den vergangenen Wochen allerdings ordentlich Boden gutgemacht. Aber reicht das für den Sieg? Nicht nur politisch Interessierte schauen gespannt über den Ärmelkanal, auch Anleger zittern mit.

Glaubt man einer alten Börsenweisheit, sind ihre Sorgen unbegründet. Politische Börsen haben kurze Beine, heißt es. In den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob diese Regel auch heute noch gültig ist. „Der Einfluss der Politik auf die Börsen ist bei den meisten politischen Ereignissen überschaubar und nur von kurzer Dauer“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Massiv und dauerhaft kann der Einfluss allerdings bei schlimmen politischen Krisen werden, bei Kriegen oder bei politischen Umwälzungen.“

Wie extrem diese Umwälzungen in Falle der schottischen Unabhängigkeit sein werden, ist unvorhersehbar. Das „Ja“ könnte eine ganze Kette von Folgen haben, bis hin zum Zusammenbruch der EU. „Wir  halten nichts davon, vor dem Referendum in Panik zu verfallen“, sagt Goran Vasiljevic, Senior Portfoliomanager bei Lingohr & PartnerAsset Management. „Auch eine Abspaltung Schottlands von Großbritannien wäre keine bleibende Katastrophe. Langfristig werden die Märkte das auch so sehen.“

Bisher hält sich die Aufregung auch in Grenzen. Der Dax zeigte sich zuletzt unbeeindruckt. War der deutsche Standardwerteindex noch im August auf gut 9000 Punkte abgerutscht, notiert er mittlerweile wieder bei mehr als 9700 Punkten. Auch der britische FTSE 100 legte in den vergangenen Wochen zu. Anders sieht die Lage beim britischen Pfund aus. Die Inselwährung hat seit Anfang September mehr als drei Prozent eingebüßt.

Seit Jahresbeginn sind es sogar minus fünf Prozent. „Schottland ist eher ein Beispiel dafür, dass Unsicherheit die Finanzmärkte zu einer Zurückhaltung veranlasst“, sagt Klaus Schrüfer, Chefmarktstratege von Santander Asset Management. „Daher überrascht es nicht, dass das britische Pfund mit der wachsenden Zustimmung der Bevölkerung bei Umfragen zur Unabhängigkeit seinen Aufwärtstrend zum Euro beendet hat.“ Ein weiterer Beweis für die wachsende Unsicherheit der Anleger: Ausländische Investoren hätten im August netto 27 Milliarden US-Dollar abgezogen, so Schrüfer.

Auch Max Otte blickt skeptisch nach Schottland – und auf die anderen Krisen, die sich auf der Welt zusammengebraut haben. Normalerweise stimme der Spruch von den kurzen Beinen der politischen Börse. „Die sich jetzt häufenden Krisen können aber Anzeichen eines tiefgreifenden Strukturbruchs im internationalen System sein“, befürchtet der Crash-Prophet und Bestsellerautor. „Das ist eine einfache Krise, sondern die letzte Folge und Konsequenz des Prozesses, der 1989 begonnen hat.“ Wenn dieser Strukturbruch Realität werde, dann könnte am Ende ein ganz anderes globales System stehen. „Gerade Schottland zeigt, dass die alten Ordnungsmuster nicht mehr halten“, sagt Otte. „Und die Ukraine-Krise ist brandgefährlich und könnte Europa in einer längeren Krieg stürzen.“ Dann hätte die politische Börse sicher lange Beine.

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