DZ-Bank-Ökonom zu Schottland
„Spaltungstendenzen machen keinen Sinn“

Sollte Schottland unabhängig werden, droht der Wirtschaft Rest-Britanniens ein „deutlicher Dämpfer“, warnt DZ-Bank-Chefökonom Stefan Bielmeier. Im Interview erklärt er, warum auch auf die Schotten schwere Zeiten zukämen.
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Am Donnerstag stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab. Stefan Bielmeier beobachtete das Vorhaben bislang zurückhaltend, weil das Referendum monatelang wie ein „Non-event“ erschienen sei. Angesichts der jüngsten Umfragen müsse jedoch inzwischen davon ausgegangen werden, dass die staatliche Einheit Großbritanniens nun im letzten Moment tatsächlich auf „Messers Schneide“ stehe, schrieb Bielmeier kürzlich in seinem Blog. Die möglichen Folgen skizziert er im Interview.

Herr Bielmeier, Schottland will sich vom Vereinigten Königreich lossagen - doch das Pfund und die EU-Mitgliedschaft möchte es behalten. Eine realistische Vorstellung aus Ihrer Sicht?

Stefan Bielmeier: Die EU-Mitgliedschaft müsste neu beantragt werden. Das ist ein formaler Prozess, der lange dauern könnte und politisch sicherlich schwierig wäre. Was die Währungsfrage betrifft, so würden die Schotten natürlich gerne das Pfund  behalten. Ob und in welcher Form dies möglich wäre, ist derzeit aber fraglich.

Wäre eine Währungsunion mit England denkbar?

Die volle Währungsunion mit England ist der erklärte Wunsch der Unabhängigkeitsbefürworter. Die britische Regierung hat sich allerdings schon sehr entschieden gegen diese Option ausgesprochen. Sie befürchtet in einer Währungsunion mit den Schotten mit ähnlichen Problemen konfrontiert zu werden, wie wir sie in den vergangenen Jahren in der Europäischen Währungsunion hatten.  

Und wenn Schottland auf die Währungsunion verzichtet und trotzdem weiter mit dem Pfund zahlen will?

Auch das geht. Eine sogenannte „Sterlingisierung“ würde bedeuten, dass die Schotten das Pfund ohne die explizite Erlaubnis der Engländer weiter als Zahlungsmittel verwenden. Andere Länder praktizieren dies mit dem US-Dollar. Ohne eigene Notenbank würden allerdings die schottischen Geschäftsbanken den Zugang zur britischen Notenbank verlieren, was im Krisenfall zu Liquiditätsproblemen führen kann.

Könnten die Schotten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage überhaupt ohne Pfund den Alleingang wagen?

Der Alleingang wäre für Schottland auf mittel- und längerfristige Sicht bestimmt schwierig. Zwar würden die Einnahmen aus Öl- und Gasvorkommen zunächst ansteigen, aber Experten sind sich einig, dass die Reserven fast aufgebraucht sind. Hinzukommt, dass Schottland ohne Zuschüsse aus England höhere Ausgaben haben wird, die natürlich gegenfinanziert werden müssten. Und dass die Schotten sich zu denselben günstigen Bedingungen finanzieren könnten wie Großbritannien, ist mehr als fraglich.

Wie wäre Rest-Britannien von dem Wegfall der Rohstoffeinnahmen betroffen?

Die Einnahmen aus den Rohstoffen sind relativ zum britischen Haushalt nicht sonderlich signifikant, hier würden also keine größeren Löcher gerissen. Problematischer wären die Auswirkungen auf den Handel und die zu erwartende Eintrübung des Sentiments. Somit hätte eine Abspaltung Schottlands sicherlich negative Konsequenzen für die britische Wirtschaftsleistung insgesamt. Ein deutlicher Dämpfer wäre sehr wahrscheinlich.

Kommentare zu " DZ-Bank-Ökonom zu Schottland: „Spaltungstendenzen machen keinen Sinn“"

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  • Nachtrag: Und das ist - konsequent weitergedacht - natürlich letztendlich auch mit der Hauptgrund dafür, warum der britische Geheimdienst GCHQ zusammnen mit der NSA eine globale Totalüberwachung anstrebt: wenn man schon die wirtschaftliche Vormachtstellung verloren hat, dann setzt man alles daran, um die IMFORMATIONELLE VORMACHTSTELLUNG zu erlangen - selbstverständlich eben auch zur Wirtschaftsspionage bei wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen und Staaten. Und im Spionieren waren die Briten ja schon weit vor den Amis weltführend...

  • Menschen, die "macht Sinn" sagen, kann ich nicht ernst nehmen. (s. auch http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-stop-making-sense-a-261738.html)

  • Mit Verlaub: "Rest-Britannien" hat so gut wie keine Wirtschaft mehr!! Das Land ist mittlerweile weitgehend deindustrialisiert - es gibt auch kaum PRODUKTIVE mittelständische Unternehmen wie in Deutschland; die EINZIGE (unproduktive!!) Industrie, die wie ein Krebsgeschwür wuchert, ist die Finanz-"Industrie":
    "Der Lack ist ab
    Die traditionsreiche britische Autoindustrie liegt am Boden; einzig der Finanzsektor generiert Wachstum – UND HAT DAMIT DIE POLITIK IM SCHWITZKASTEN. Wenn die einstige Weltmacht nicht komplett den Anschluss verlieren will, muss der Rest der Wirtschaft radikal modernisiert werden."
    http://www.theeuropean.de/ruben-alexander-schuster/10268-der-niedergang-der-britischen-industrie
    Bei einer Staatsverschuldung von ca. 1,5 Billionen GBP, was ca. 91,5% des BIP darstellt...
    http://de.statista.com/statistik/daten/studie/167313/umfrage/staatsverschuldung-von-grossbritannien-in-relation-zum-bruttoinlandsprodukt-bip/
    ... und mit immer weniger produktiver Industrie rettet einzig und alleine die Druckerpresse der BoE (zusammen mit der finanziellen Vormachtstellung der City) das Land vor dem Ruin. Wenn das (hoffnungslos überdruckte) Pfund crasht, werden auch noch die Rudimente des einstigen "British Empire" zerlegt - und das ist natürlich auch der Hauptgrund, weshalb nahezu ALLE britischen Politiker der City in den Allerwertesten hineinkriechen...

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