Schottland und das Öl
Das Dallas Europas

Aberdeen ist die Cashcow Schottlands. Die Stadt im Nordosten ist durch die Ölindustrie reich geworden. Das weckt Begehrlichkeiten in London genauso wie in Edinburgh. Die Petro-Milliarden bringen auch Probleme mit sich.
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AberdeenGordon McIntosh ist ein Mann der ersten Stunde im schottischen Ölgeschäft. Als er elf Jahre alt war und in Speyside, im Nordosten des Landes, zur Schule ging, hörte er von einem Lehrer zum ersten Mal von den Bohrungen vor der Küste Schottlands. 1969 wurde das Montrose Feld über 200 Kilometer östlich von Aberdeen entdeckt. Entgegen der Familientradition ging McIntosh nach dem Studium nicht in die Whisky-Branche. Stattdessen arbeitete er als Buchhalter für die Wirtschaftsprüfer von KPMG. Dort bekam er den Auftrag, ein Abrechnungssystem für Bohrinseln aufzubauen. Sein Chef stellte ihm 1982 eine große Kiste auf den Tisch. Darin war eines der ersten Faxgeräte. Damit sollten ihm morgens die Bohrinseln ihre Zahlen schicken. Sein Chef sagte: „Gordon, Geld spielt in dieser Branche keine Rolle.“

McIntosh ist der Ölbranche treu geblieben. Heute kümmert er sich als Wirtschaftsdirektor in Aberdeen um die Belange der Branche. Für die Stadt im Nordosten Schottlands ist Öl die Quelle des Reichtums. Aberdeen hat nur 230.000 Einwohner, beheimatet aber 30 der 100 größten Unternehmen Großbritanniens und erwirtschaftet 20 Prozent der schottischen Wirtschaftsleistung. Arbeitslosigkeit gibt es praktisch nicht. 50.000 Menschen arbeiten in der Ölbranche. Die Stadt ist das logistische Zentrum für die Bohrinseln in der Nordsee. Ihr wird nachgesagt, dass sie die höchste Dichte an Luxusautos in Europa hat. Doch der Reichtum bringt auch Probleme mit sich.

Er weckt zum Beispiel Begehrlichkeiten. „Aberdeen ist immer von allen als die Cashcow gesehen worden“, sagt McIntosh. „In Edinburgh genauso wie in London“ Auch die Ratsvorsitzende von Aberdeen, Jenny Liang, beklagt, dass Aberdeen die Stadt in Großbritannien sei, die am meisten Steuern einzahlt und am wenigsten von der Regierung zurückbekommt. Ähnlich wie andere reiche Städte hat Aberdeen das Problem, dass viele Fachkräfte die Stadt wegen der hohen Lebenshaltungskosten meiden.

Kürzlich musste die Notaufnahme einer Klinik schließen, weil es nicht genug Ärzte gab. Auch bei Lehrern gibt es Mangel. Da die Gehälter im öffentlichen Dienst überall gleich sind, ist es für Staatsdiener wenig attraktiv in Aberdeen zu arbeiten. Die Preise sind einfach zu hoch. Aberdeen hat nach London den zweithöchsten Anstieg der Immobilienpreise in Großbritannien zu verzeichnen. Wenn man Gordan McIntosh fragt, dann braucht die Stadt dringend Investitionen in die Infrastruktur: Straßen, Hafen und Schienennetz. Sonst könne sie ihr Potenzial nicht entfalten.

Kommentare zu " Schottland und das Öl: Das Dallas Europas"

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  • Ich öle mir lieber ab und an die Kehle mit einem anderen schottischen Exportprodukt von Weltformat - und deshalb zitiere ich jetzt zum Referendum auch zweimal Marius Müller-Westernhagen:
    "..., du bist mein bester Freund!" (das ist ausdrücklich KEINE Produktwerbung! ;-))
    und
    "Freiheit, ist das Einzige, was zählt!"

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