Scotland Yard unter Druck
Kafkas Prozess lässt grüßen

Der Fall des irrtümlich erschossenen Brasilianers Jean Charles de Menezes bringt Scotland Yard weiter unter Druck. In England hört man in diesem Zusammenhang immer Öfter auch einen Begriff aus der deutschen Literaturgeschichte: „kafkaesk“. Er bezieht sich auf Franz Kafkas Roman „Der Prozess“, in dem ein Unschuldiger verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet wird, ohne je zu erfahren, was ihm eigentlich zur Last gelegt wird. Ganz ähnlich ist es dem brasilianischen Elektriker ergangen.

HB LONDON. Der 27-Jährige verlässt am Morgen des am 22. Juli seine Wohnung, fährt mit dem Bus zur U-Bahn-Station, nimmt sich eine Gratiszeitung, fährt die Rolltreppe herunter und rennt über den Bahnsteig, um einen wartenden Zug zu bekommen. Als er sich gerade hingesetzt hat, ruft ein Mann in der Tür des Waggons: „Hier ist er!“ und zeigt auf ihn. Menezes steht auf und geht auf ihn zu, will fragen, was los ist. Aber der Mann packt ihn und drückt ihn auf den Sitz zurück. Im nächsten Moment stehen Männer mit Pistolen vor ihm und schießen ihm in den Kopf.

Menezes konnte nicht wissen, dass er buchstäblich über Nacht in die größte Fahndung der britischen Kriminalgeschichte geraten war. Der einzige Grund: Er wohnte zufällig im selben Haus wie einer der verhinderten Selbstmordattentäter vom Tag zuvor. Menezes hatte keine Ahnung, dass das Haus beschattet wurde; dass die Polizei in ihm den gesuchten Terroristen vermutete, weil sie dessen „asiatische Augen“ wiederzuerkennen meinte.

Während er eine alltägliche Busfahrt zu machen glaubte, entschieden drei Spezialeinheiten von Scotland Yard über sein Leben. Als er ausstieg, war die Verantwortung bereits an CO19 übergegangen, die so genannte „Killertruppe“ mit Maschinenpistolen. Nach den bis dahin geheimen Bestimmungen der „Operation Kratos“ ist diese Einheit angehalten, mögliche Selbstmordattentäter durch Kopfschüsse unschädlich zu machen. Der „Gold Commander“ - der oberste Einsatzleiter, in diesem Fall eine 44-jährige Frau - soll zwar noch befohlen haben, den Verdächtigen lebend zu greifen. Doch wenn dem so war, hat diese Anweisung die Ausführenden Sekunden zu spät erreicht oder wurde missverständlich weitergegeben.

Das alles ist schlimm genug, aber nun kommt noch hinzu, dass Scotland-Yard-Chef Sir Ian Blair Stunden später vor der Presse erklärte: „Soweit ich über die Situation unterrichtet bin, wurde der Mann gestellt und weigerte sich, den Anweisungen der Polizei Folge zu leisten.“ Polizeisprecher verbreiteten inoffiziell, Menezes sei davongerannt und über eine Absperrung gesprungen und habe zudem einen verdächtig weiten Mantel getragen, unter dem die Polizei Sprengstoff habe vermuten müssen.

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