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Sechs Fragen an: Andris Piebalgs: „Wir haben keinen Grund, auf Gazprom eifersüchtig zu sein“

„Gazprom verhält sich nicht anders als westliche Energiekonzerne wie zum Beispiel BP oder Shell“, sagt Andris Piebalgs, Energiekommissar der Europäischen Union. Im Interview mit dem Handelsblatt erklärt der Lette, weshalb das Projekt der Nabucco- Pipeline dennoch äußerst wichtig ist und warum die EU-Länder vorerst keine Gasnotreserve brauchen.

EU-Energiekommissar Andris Piebalgs glaubt, dass die Rolle des russischen Energiekonzerns Gazprom übertrieben wird. Foto: dpa Quelle: dpa
EU-Energiekommissar Andris Piebalgs glaubt, dass die Rolle des russischen Energiekonzerns Gazprom übertrieben wird. Foto: dpa Quelle: dpa

Die EU bezieht 44 Prozent ihrer Gasimporte aus Russland. Ist diese Abhängigkeit nach dem Georgien-Krieg Grund zur Sorge?

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Die EU-Staaten sind darüber sehr besorgt. Vor allem jene, die wie meine Heimat Lettland nur Russland als Bezugsquelle haben. Das muss man ernst nehmen, auch wenn ich persönlich glaube, dass Russland weiter ein zuverlässiger Lieferant sein wird. Deshalb ist die Diversifizierung unserer Energielieferanten wichtiger denn je. Ich denke dabei vor allem an Gas aus den kaspischen Staaten, aber auch aus Irak, Ägypten und Nigeria.

Wo sich die EU hinwendet – die russische Gazprom ist schon da.

Ich glaube, Gazproms Rolle wird übertrieben. Gazprom verhält sich nicht anders als westliche Energiekonzerne wie zum Beispiel BP oder Shell, die ebenfalls im Ausland expandieren. Ich sehe darin keine gegen die EU gerichtete Strategie, und wir haben auch keinen Grund, auf Gazprom eifersüchtig zu sein. Die Europäische Union hat als Kunde ein viel größeres Gewicht.

Aber sie hat nicht die Pipelines, um an Russland vorbei Gas etwa aus der kaspischen Region zu beziehen.

Deshalb ist das Projekt der Nabucco-Pipeline so wichtig, die kaspisches Gas via Georgien, Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich bringen soll...

...aber kaum vorankommt.

Ich erwarte, dass der Bau 2010 startet und 2013 das erste Gas fließt. Aber es gibt in der Tat noch ungelöste Fragen: die Kosten des Transits durch die Türkei, und vor allem, ob das Gas auch vertraglich gesichert ist, das über Nabucco geliefert werden soll. Es macht keinen Sinn, die Pipeline nur aus politischen Gründen zu bauen. Turkmenistan hat zwar große Reserven. Die Frage ist aber, ob wir oder die Russen, die bereits langjährige Lieferbeziehungen zu Turkmenistan haben, sie bekommen.

Viele EU-Länder engagieren sich zugleich bei Russlands Konkurrenzprojekt South Stream ...

Es ist eine große Schwierigkeit für die EU-Energiepolitik und damit natürlich auch für Nabucco, dass jedes Land zuerst eigene Interessen vertritt. Aber mit dem Problem hat auch South Stream zu kämpfen. Die mangelnde Einigkeit der EU ist eine strategische Schwäche. Wir brauchen deshalb eine gemeinsame Energie-Außenpolitik. Dafür muss aber erst einmal der Lissabon-Vertrag als gesetzliche Grundlage ratifiziert sein.

Länder wie Polen, die stark von Russland abhängig sind, fordern von der EU einen Energie-Solidaritätspakt. Brauchen wir eine Gasnotreserve wie beim Öl?

Während meiner Amtszeit wird es keine Pflicht zum Aufbau staatlicher Gasreserven geben, denn das kostet sehr viel Geld. Der beste Solidaritätsmechanismus ist ein funktionierender Binnenmarkt, in dem die nationalen Märkte besser vernetzt sind.

Die Fragen stellte Helmut Hauschild.

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