Sechs Fragen an: Jurij Prodan
„Wir garantieren den Transit in vollem Umfang“

In der Hoffnung auf einen neuen Energievertrag mit Russland setzt die Ukraine auf eine Vermittlerrolle der Europäischen Union. Im Handelsblatt-Interview spricht Jurij Prodan, Energieminister der Ukraine, über russische Vorwürfe - und die Gründe für den Streit mit Moskau.

Handelsblatt: Russland wirft der Ukraine vor, seine Gasschulden nicht beglichen zu haben. Hat Kiew nicht bezahlt?

Jurij Prodan: Doch. Wir haben sogar im Kanzleramt in Berlin eine Kopie des Überweisungsbelegs vorgezeigt. Wir haben gezahlt. Russland hat dennoch keinen neuen Vertrag über Gaslieferungen mit uns geschlossen, nicht einmal über den Transit russischen Erdgases durch die Ukraine nach Europa.

Sie garantieren aber dennoch den Transit gen Westen?

Ja, wir garantieren den Transit in vollem Umfang, obwohl Russland dafür nicht bezahlt.

Liefern Sie tatsächlich im vollen Umfang? Einige Balkanstaaten beklagen bereits Lieferkürzungen.

Die russische Behauptung, dass die Ukraine Gas klaut, stimmt nicht. Unseren Eigenbedarf decken wir aus der eigenen Gasförderung und Gasspeichern. Das reicht unter normalen Bedingungen, bei 16 Mrd. Kubikmetern Erdgas in den unterirdischen Lagern und einem Verbrauch von fünf bis sechs Milliarden, einige Zeit. Aber das zum Betrieb der Pipelines nötige so genannte technische Gas können wir nicht aus eigenen Reserven holen, das müssen wir aus der russischen Transitmenge nehmen. Deshalb brauchen wir eine schnelle Lösung des Konflikts.

Wie denn?

Die Ukraine möchte, dass sich die EU einschaltet und europäische Berater kommen, die die Lage objektiv bewerten und uns beraten bei der Ausgestaltung des neuen Gasvertrages mit Russland.

Sie wollen also Verhandlungen zwischen Russland, der Ukraine und der EU?

Auch das können wir uns vorstellen. Aber am wichtigsten sind erst einmal europäische Berater, denen wir offen und transparent alle Zahlen vorlegen, wie viel Gas Russland liefert und wie viel die Ukraine durchleitet. Wir hoffen, dass bereits morgen EU-Berater in die Ukraine kommen.

Worum geht es aus Ihrer Sicht im Streit mit Russland?

Er hat wohl auch politische Hintergründe. Denn es ist schon sehr merkwürdig, dass Russland für Weißrussland den Gaspreis senkt, bei uns aber auf über 400 Dollar pro 1 000 Kubikmeter erhöhen will. Zugleich ist Moskau nicht zur Erhöhung der Transittarife bereit - obwohl ein Beibehalten von 1,70 Dollar pro 100 km je 1 000 Kubikmeter für uns den Transit zum Zuschussgeschäft macht. Und das akzeptieren wir nicht. Wir hoffen auf einen fairen Kompromiss und Hilfe der EU dabei.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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