Selbstmordanschlag in Kundus
Die Illusion vom ruhigen Bundeswehr-Einsatz

Eigentlich gilt der Norden Afghanistans als weitgehend friedliche Gegend. Doch der Selbstmordanschlag vom Samstag, bei dem drei Bundeswehr-Soldaten starben und fünf verletzt wurden, hat diese Illusion zerstört. Dabei begann der Tag vollkommen harmlos. Die Soldaten wollten Kühlschränke kaufen.

HB BERLIN. Der angeblich ruhige Norden Afghanistans, das sei schon immer eine Illusion gewesen, sagt Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Der oberste Dienstherr muss den Tod dreier junger Soldaten verkünden, die am Samstag im Kundus von einem Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt wurden. Und er muss trotzdem Kurs halten gegen die absehbare Debatte in Deutschland, ob der Einsatz der deutschen Armee in dem zunehmend chaotischen Land am Hindukusch wirklich sinnvoll ist. Es war und ist gefährlich, ist Jungs Botschaft, aber es muss sein.

Es ist kurz nach zehn Uhr morgens an diesem Samstag, als zehn deutsche Soldaten, ein Polizist und ein Übersetzer zum Einkaufen auf den Markt in Kundus fahren. Kühlschränke sind zu beschaffen für das deutsche Lager. Theoretisch könnte die Bundeswehr solche Dinge aus dem fernen Deutschland einfliegen. Aber man will die regionale Wirtschaft ankurbeln, Kontakt mit den Menschen suchen, für deren Schutz und politische Ordnung man sich zuständig fühlt.

Es sind vier Soldaten der Wehrverwaltung, sechs Kameraden sollen sie schützen, als sie ihre gesicherten Dingo-Fahrzeuge verlassen haben. Doch es gibt keinen Schutz. „Als sie am Attentäter vorbei gingen, hat er sich in die Luft gesprengt und hat die Soldaten getötet“, berichtet Jung Stunden später im Führungszentrum der Bundeswehr in Potsdam.

Allerlei Mutmaßungen machen dort die Runde. Ob die Soldaten vielleicht nicht gut genug ausgerüstet waren oder nicht ausreichend ausgebildet? Ob afghanische Kontaktleute in Kundus sie ausgespäht und verraten haben? Ob nicht vielleicht das Muster solcher Patrouillen und Einkäufe zu berechenbar war, denn sie waren nach Jungs Angaben wöchentliche Routine.

Auch Zivilisten starben

Aber all das lässt der Verteidigungsminister nicht gelten. Zwar hat sich der Anschlag auch aus seiner Sicht offenkundig gezielt gegen die Schutztruppe ISAF gerichtet. Ob unbedingt die Deutschen gemeint waren, bezweifelt Jung aber. Die Idee von afghanischen Verrätern im verdeckten Kampf gegen eine ungeliebte Schutztruppe weist er mit dem Argument zurück, die Bombe habe nicht nach Nationalitäten unterschieden. Auch sieben afghanische Zivilisten starben, 13 wurden verletzt.

Tatsächlich leiden natürlich vor allem die Einheimischen unter dem Chaos ihres Landes, im umkämpften Süden weit mehr als im Norden, aber eben auch dort. Erst vor einem Monat hat in Kundus ein Selbstmordattentäter zehn afghanische Polizisten in den Tod gerissen. Dass Deutsche unter den Opfern sind, wirft ein Schlaglicht auf die Gefahr. „Leider gibt es gegen Selbstmordattentäter keinen hundertprozentigen Schutz“, sagt Jung.

Seite 1:

Die Illusion vom ruhigen Bundeswehr-Einsatz

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%