Selbstmorde im US-Gefangenenlager
„Es gibt keine Hoffnung in Guantanamo“

Der Befehlshaber von Guantanamo hat die Selbstmorde dreier Internierter als kriegerischen Akt gegen die USA bezeichnet. Wie müssen solche Äußerungen in den Ohren jener Männer klingen, die selbst einmal in dem US-Gefangenenlager saßen? Drei von Ihnen berichten über ihre Erlebnisse.

HB LONDON. Wer sich in dem umstrittenen US-Gefängnis auf Kuba das Leben nehmen will, strebe nicht nach einem heldenhaften Märtyrertod, erklärten Shafiq Rasul, Ruhal Ahmed und Asif Iqbal in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP. Vielmehr suchten die Häftlinge nach einem Ausweg aus einer ausweglosen Situation. „Es gibt keine Hoffnung in Guantanamo. Das einzige, was einem jeden Tag durch den Kopf geht, ist, wie man Gerechtigkeit erlangen oder sich selbst umbringen kann“, sagte Rasul. „Es ist die Verzweiflung, nicht der Gedanke an den Märtyrertod, der einen dort auffrisst“, erklärte der 29-Jährige. Er und seine beiden Freunde leben heute in Großbritannien.

Die drei Selbstmörder erhängten sich laut US-Behörden in der Nacht zum Samstag mit Bettlaken und Kleidungsstücken in ihren Zellen. Sie wurden Militärangaben zufolge seit etwa vier Jahren unter Terrorverdacht in Guantanamo festgehalten und waren im Hochsicherheitstrakt des Lagers untergebracht. Aus Protest gegen ihre Inhaftierung hatten sie sich bereits an einem Hungerstreik beteiligt, in dessen Folge sie zwangsernährt wurden. Ihr Selbstmord sei nicht ein Akt der Verzweiflung gewesen, sondern Teil der „asymmetrischen Kriegsführung gegen uns“, sagte der Befehlshaber von Guantanamo, Konteradmiral Harry Harris. Selbstmordversuche gab es schon viele, doch bislang war keiner geglückt.

Die Bundesregierung forderte am Sonntag von den USA die Aufklärung der Todesumstände. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte wie andere Regierungen und Menschenrechtsorganisationen die USA in der Vergangenheit deutlich wegen Guantanamo kritisiert. Der jüngste Vorfall, über den sich US-Präsident George W. Bush „ernsthaft besorgt“ äußerte, zog international neue Forderungen nach einer Schließung des umstrittenen Lagers nach sich.

In Guantanamo halten die USA derzeit 460 Insassen aus 40 Ländern und dem Westjordanland unter dem Verdacht fest, Kontakte zur Extremistenorganisation Al-Kaida oder zu den afghanischen Taliban zu haben. Die USA hatten das Lager nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eingerichtet und stufen die Gefangenen als feindliche Kämpfer ein, nicht als Kriegsgefangene. Deswegen, so argumentieren die USA, hätten die Gefangenen auch nicht die Rechte, die die Genfer Konvention Kriegsgefangenen zusichert. Die USA haben Sonder-Militärgerichte eingesetzt, um einigen der Insassen den Prozess zu machen. Das Oberste US-Gericht soll voraussichtlich noch in diesem Monat über die Rechtmäßigkeit solcher Tribunale befinden. Derzeit müssen sich 10 der Insassen vor den Sondergerichten verantworten. Bei allen anderen fehlt eine Anklage.

Seite 1:

„Es gibt keine Hoffnung in Guantanamo“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%