Separatisten-Proteste in Katalonien
Regionalregierung beharrt auf Unabhängigkeitsreferendum

Einen Tag nach Razzien und Festnahmen von Separatisten durch die der Madrider Regierung wollen die Demonstrationen in Katalonien kein Ende nehmen. Die Regionalregierung zeigt sich von den bisherigen Sanktionen unbeeindruckt.
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Barcelona.

Zehn Tage vor dem umstrittenen Referendum sind in Katalonien erneut Tausende auf die Straße gegangen, um für die Loslösung der Region von Spanien zu demonstrieren. Die Menschen versammelten sich am Donnerstag in Barcelona vor allem vor dem Gebäude des Oberlandesgerichts. Sie protestierten gegen Razzien der Polizeieinheit Guardia Civil, die der Zentralregierung in Madrid untersteht, und forderten die Freilassung aller 14 am Vortag festgenommenen Politiker und Beamten der separatistischen Regionalregierung. Einige wurden mittlerweile unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt

Das Auswärtige Amt in Berlin rief Spanien-Reisende wegen des Konflikts zur Achtsamkeit auf. Insbesondere in der katalanischen Hauptstadt Barcelona könne es jederzeit zu Kundgebungen kommen, hieß es. „Reisenden wird empfohlen, die lokalen Medien zu verfolgen, größere Menschenansammlungen in dieser Zeit zu meiden und den Anweisungen von Sicherheitskräften unbedingt Folge zu leisten.“

Die Regionalregierung von Carles Puigdemont will das vom Verfassungsgericht in Madrid untersagte „verbindliche Referendum“ über die Abspaltung von Spanien auch gegen den Willen der Zentralregierung am 1. Oktober durchführen. Um das zu verhindern, hatte die Guardia Civil am Mittwoch auf Anordnung der Justiz bei über 40 Razzien in Barcelona ranghohe Politiker und Beamte festgenommen und knapp zehn Millionen Wahlzettel beschlagnahmt. Zehntausende gingen aus Protest spontan auf die Straße. Die Demonstranten skandierten Parolen wie „Wir werden abstimmen!“ und „Unabhängigkeit!“.

Proteste gibt es nicht nur in Barcelona. In Lleida rund 150 Kilometer westlich der Metropole waren zum Beispiel in der Nacht zum Donnerstag rund 10 000 Unabhängigkeitsbefürworter auf den Straßen, wie Medien berichteten. In Barcelona, dem Zentrum der Proteste, waren es am Mittwoch nach Rathausschätzung über 40 000 Menschen.

Die EU-Kommission will das zunehmend drastische Vorgehen der Regierung in Madrid gegen die Separatisten nicht kommentieren. „Wir respektieren die verfassungsrechtliche Ordnung Spaniens, wie es der Fall ist für alle Verfassungen unserer Mitgliedsstaaten“, sagte ein Sprecher der Brüsseler Behörde auf Fragen von Journalisten.

Nennenswerte Zusammenstöße mit der Polizei gab es bei den Kundgebungen bislang nicht. Die Stimmung heizt sich aber immer mehr auf. In Barcelona konnten zum Beispiel 15 Beamte der Guardia Civil das Gebäude des regionalen Wirtschaftsministeriums erst Stunden nach Ende einer Durchsuchung am frühen Morgen verlassen. Hunderte Demonstranten hatten die Eingänge blockiert.

Die Regierung Puigdemonts räumte ein, dass die Aktionen von Polizei und Justiz die Organisation des Referendums erschwerten. Die Volksbefragung werde aber stattfinden. Am Donnerstag wurde im Internet die Homepage mit Informationen für die Wahlberechtigten aktiviert.

Katalonien ist etwa so groß wie Nordrhein-Westfallen und hat gut 7,5 Millionen Einwohner. Zusammen mit Madrid ist die Region im Nordosten des Landes die wirtschaftsstärkste der 17 Autonomen Gemeinschaften Spaniens. Ministerpräsident Mariano Rajoy beteuerte mehrfach, er werde eine Loslösung Kataloniens unter keinen Umständen zulassen. In einer TV-Ansprache warnte der konservative Politiker die Separatisten am späten Mittwochabend: „Noch ist Zeit, ein größeres Unheil zu verhindern.“ Das Referendum sei ein antidemokratisches „Hirngespinst“, das auf keinen Fall stattfinden werde..

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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