Sergej Magnitski
Toter russischer Whistleblower von Gericht verurteilt

Er deckte Geheimabsprachen zwischen Kriminellen und korrupten Beamten auf, wurde verhaftet und misshandelt. Vor vier Jahren starb Sergej Magnitski im Gefängnis. Nun wurde er posthum wegen Steuerbetrugs verurteilt.
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MoskauIn einem ungewöhnlichen Prozess hat ein Moskauer Gericht den in der Haft verstorbenen Anwalt Sergej Magnitski posthum wegen Steuerbetrugs schuldig gesprochen. Die Täterschaft Juristen sei „eindeutig bewiesen“, sagte Richter Igor Alissow am Donnerstag der Agentur Interfax zufolge in Moskau. Demnach befanden die Richter zudem Magnitskis einstigen Kunden, den britischen Investor William Browder, für schuldig, rund 17 Millionen Dollar (rund 13 Millionen Euro) am Fiskus vorbeigeschleust zu haben.

Das Verfahren gegen Magnitski werde formell eingestellt, sagte Alissow. Eine Rehabilitierung sei nicht möglich. Der Richter verurteilte Magnitskis Chef William Browder vom Finanzunternehmen Hermitage Capital in Abwesenheit zu neun Jahren Lagerhaft. International wurde der Prozess als absurd kritisiert, weil sich ein Toter nicht verteidigen könne. Menschenrechtler werfen der Justiz vor, damit den Ruf des regierungskritischen Anwalts nachträglich beschmutzen zu wollen.

„Der Prozess ist ein Versuch, den Tod von Sergej Magnitski zu rechtfertigen“, sagte der Anwalt der Witwe, Dmitri Charitonow. Die Verteidigung hatte die Verhandlung als illegal bezeichnet und ihre Teilnahme verweigert. Hermitage Capital warf Kremlchef Wladimir Putin persönlich vor, Drahtzieher der Anklage zu sein. Putin schütze „korrupte Beamte, die einen unschuldigen Anwalt ermordet“ hätten.

Magnitski starb 2009 im Gefängnis an einer unbehandelten Bauchspeicheldrüsenentzündung. Einige Monate zuvor hatte er nach eigenen Angaben mutmaßliche Geheimabsprachen zwischen Kriminellen und korrupten Beamten des Innenministeriums enthüllt: Über illegale Subventionen von Browders Investmentfirma Hermitage Capital sollen sich diese Steuerermäßigungen im Umfang von 230 Millionen Dollar erschlichen haben. Später wurde der damals 37-jährige Magnitski allerdings selbst wegen Steuerbetrugs angeklagt.

Sein qualvoller Tod rief international scharfe Kritik hervor. Eine Untersuchung des russischen Menschenrechtsrats ergab, dass Magnitski in der Haft geschlagen und ihm eine medizinische Behandlung vorsätzlich verweigert worden sei. Die USA benannten sogar ein Gesetz nach Magnitski, das Sanktionen für als Menschenrechtsverletzer identifizierte Russen vorsieht. Im März dieses Jahres stellte die russische Justiz ihre Ermittlungen zum Tod des Anwalts ergebnislos ein.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Sergej Magnitski: Toter russischer Whistleblower von Gericht verurteilt"

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  • Zitat orakel:
    "Die freie westliche Welt..."

    Ich sag da nur - eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus^^

  • In der USA ist das ganz anders:

    Da bekommt Snowden nach einem ausgiebigen Waterboarding posthum den "Freischwimmer ehrenhalber" verliehen...

  • Putins Terrorstaat ist nur noch widerlich, auch der Fall Chodorkowski ist unvergessen und zeigt, dass Russland kein sicherer Boden für Investments ist. Und Putin-Freund Schröder, dessen Milliardendeal/russische Auslandsschulden ebenfalls unvergessen ist, ebeso wie Putins Gegenleistung in Form eines Aufsichtsratsjobs für Schröder, ist nach wie vor in der SPD. Sauber.

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