Serie 1989-2009
„Genosse Sacharow,es reicht!“

Mit einer denkwürdigen Rede im Kreml kämpfte Andrej Sacharow für ein Ende des Machtmonopols der Kommunisten. Damals entzog Michail Gorbatschow vom Präsidium des ersten fast frei gewählten Volksdepurtiertenkongresses Sacharow das Mikrofon. "Er ging in die richtige Richtung, aber damals zu früh zu weit", sagt der Friedensnobelpreisträger heute.

BERLIN. Der Wandel hat 1502 Seiten, und der Sprengsatz umfasst knapp zweieinhalb eng bedruckte, maschinengeschriebene Blätter. Sie finden sich im dritten Band der Protokolle der ersten Sitzung des Volksdeputiertenkongresses. Wer damals dabei war, erinnert sich noch, wie plötzlich die Straßen in Moskau fast menschenleer wurden und sich in den Küchen - dem traditionellen Sammelplatz gesellschaftskritischer Diskussionen im Sowjetimperium - Nachbarn vor den Radios versammelten und stumm der Debatte lauschten. "Eine Minute haben Sie", gab Michail Gorbatschow vom Präsidium des ersten fast frei gewählten Volksdeputiertenkongresses an diesem Mai-Tag 1989 einem ganz besonderen Abgeordneten das Wort: Andrej Sacharow.

Der damals schon schwach wirkende Mann mit dem weißen Haarkranz hebt die Stimme zu einer Rede im Bürokraten-Russisch. Mit leiser Stimme, im zerknitterten Anzug und wie immer mit schlecht gebundener Krawatte, redet er zunächst von starken Sowjets, Räten, aus Volksvertretungen vor Ort. Dann bebt seine Stimme als er kurz und trocken sagt: "Der Artikel sechs der Verfassung der UdSSR wird gestrichen." Es dauert ein paar Sekunden, Augenblicke des Begreifens, bis sich im Kremlsaal ein Pfeifkonzert zusammenbraut und Abgeordnete aus ihren Bänken den Redner mit wüsten Flüchen beschimpfen. Denn was er da gesagt hatte, war die Forderung nach Abschaffung des Machtmonopols der Kommunistischen Partei KPdSU.

Sacharow bleibt ruhig, redet weiter, seine Minute ist bereits zehnmal um, als Gorbatschow rüde unterbricht: "Es reicht, aus, Ihre Redezeit ist schon um das Doppelte überschritten. Entschuldigen Sie mich, aber es reicht." Sacharow entgegnet: "Ich bestehe darauf", und wendet sich in Richtung des über seinem Rednerpult sitzenden Parteichefs. "Es reicht, Genosse Sacharow. Genosse Sacharow, Sie achten den Volksdeputiertenkongress wohl nicht?" Hier vermerkt das offizielle Protokoll Sacharows Antwort als "nicht zu verstehen".

Doch Millionen Zuschauer der live im Staatsfernsehen übertragenen Debatte und an den Rundfunkgeräten hören das, was die alten Aufnahmen noch heute belegen: "Ich achte den Kongress", sagt Sacharow. "Aber vor allem verehre ich das Volk und die Menschheit." Gorbatschow ordnet an, das Mikrofon abzuschalten. Sacharow muss vom Rednerpult abtreten, der Kongress tobt, die Menschen jubeln.

20 Jahre später sieht Gorbatschow, altersmilde und leicht erkältet, das historische Duell der beiden Friedensnobelpreisträger (Sacharow 1975, Gorbatschow 1990) in milderem Licht: "Der Streit ist längst vergessen. Sacharow war doch mein Freund und er ging in die richtige Richtung, aber damals zu früh zu weit", sagte er dem Handelsblatt. Tatsächlich ist das mehr als eine Floskel: Denn Gorbatschows Anruf als neuer Generalsekretär der KPdSU in der Wolgastadt Gorki - heute wieder Nischnij Nowgorod - erlöste den dorthin verbannten früheren Vater der russischen Atombombe und späteren Dissidenten 1986 aus seiner vom früheren Regime verordneten Verbannung.

Die Rückkehr Sacharows nach Moskau, wo er 1980 den Einmarsch der Sowjetunion nach Afghanistan verurteilt hatte und mit Verbannung bestraft wurde, hat genauso wie Gorbatschows Abzug der Truppen aus Afghanistan die Sowjetunion verändert. Vor allem aber war es Gorbatschows Politik von Perestrojka (Umbau) und Glasnost (Offenheit), die frische Luft in den Muff der satten Breschnew-Stagnation der UdSSR brachte.

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