Serie: China am Scheideweg: 800 Millionen haben nichts von Chinas Boom

Serie: China am Scheideweg
800 Millionen haben nichts von Chinas Boom

Während sich in Chinas Metropolen der Reichtum anhäuft, verarmt die Landbevölkerung. Dem Land droht eine Zerreißprobe, denn immer noch sind mehr als die Hälfte der chinesischen Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig.

PEKING. Der größte Wunsch von Xie Guangfu war, dass sein Sohn studiert. Als das kleine Wunder klappte, stand der arme chinesische Bauer plötzlich vor einem Problem: Die jährliche Studiengebühr von 6 000 Yuan (615 Euro) entsprach seinem Einkommen von mehreren Jahren. Xie übernahm deshalb jeden Job im Dorf und arbeitete 21 Stunden lang am Tag – bis er zusammenbrach. Gestorben an Erschöpfung und Unterernährung, ein Bündel Weizen noch auf seinen Schultern.

Jenny Li hat als Studentin stets von einem Fahrrad mit Gangschaltung geträumt. Jetzt parkt eine neue Hyundai-Limousine vor ihrem Haus. Die Chinesin arbeitet für eine ausländische Firma, trägt gern französisches Parfum und italienische Designer-Marken. Ihr Mann ist Banker und zusammen verdienen sie 15 000 Yuan (1 536 Euro) im Monat. Sie besitzen eine Wohnung in einem von Pekings neuen Vororten, hell und modern eingerichtet im Ikea-Stil.

Grafik: Monatliches Durchschnittseinkommen in Chinas Provinzen

Zwei Träume, ein China. Hier zeigt sich die Kehrseite des rasanten Wandels im Reich der Mitte. In nur 20 Jahren hat sich China von einem Land mit gleichen Einkommen zu einem mit sehr ungleicher Verteilung entwickelt. Und der Riss, der sich durch das Land zieht, wird immer tiefer. Lag das Durchschnittseinkommen in Chinas Städten im Jahr 2000 2,8-mal höher als auf dem Land, verdient man in Peking bereits im Schnitt viermal so viel.

So geht der neue Wohlstand Chinas an der Mehrheit der 1,3 Milliarden Einwohner vorbei. Denn trotz Industrieboom und Massenproduktion leben noch immer 800 Millionen Chinesen auf dem Land. Man dürfe sich nicht von den glitzernden Wolkenkratzern in Schanghai täuschen lassen, hat erst kürzlich wieder Weltbank-Chef Paul Wolfowitz gemahnt: „Diese Bilder sind richtig, aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte.“ Gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Einwohner liege China nur auf Rang 129, also auf Augenhöhe mit Marokko oder Swasiland.

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