Serie
China im Griff des Kraken

Noch immer hat der Krake Korruption das Reich der Mitte fest im Griff. Chinas Führung versucht, mit einer knallharten Kampagne eines der ältesten Probleme im Land zu beseitigen. Dabei geht es nicht nur um Moral, die Korruption kostet China jährlich bis zu 15 Prozent der Wirtschaftsleistung

PEKING. Am Ende war Lu Wanli ganz allein. Geld, Macht und Beziehungen halfen dem 61-Jährigen nicht mehr. Der einst so hohe Funktionär der Provinzregierung von Guizhou wurde Mitte Dezember wegen Korruption hingerichtet. Lu Wanli hatte nach Ansicht der Richter umgerechnet rund 3,2 Mill. Dollar an Schmiergeldern kassiert.

Einen Tag zuvor war Han Guizhi, stellvertretende Sekretärin der Provinz Heilongjiang, in Peking zum Tode verurteilt worden. Die Vollstreckung ist für zwei Jahre ausgesetzt. Die Frau, ihr Leben lang stramme Parteisoldatin, soll ihren Posten zu Nebenverdiensten missbraucht und dabei 875 000 Dollar kassiert haben.

Kurz vor Weihnachten erwischte es dann einen Bankmanager. Er wurde zum Tode verurteilt, weil er sein neues Privathaus mit 1,8 Mill. Dollar aus Bestechungsgeldern und durch Veruntreuung bezahlt haben soll. Ende Dezember wanderte ein Ex-Minister lebenslang ins Gefängnis: Tian Fengshan, bis Herbst 2003 Minister für Land und Rohstoffe, soll noch als Kabinettsmitglied Schmiergelder kassiert haben. Und das neue Jahr begann, wie das alte geendet hatte: Der frühere Vizepräsident der Agricultural Development Bank of China, Hu Chushou, musste Mitte Januar wegen Korruption für immer hinter Gitter.

Der kurze Auszug aus Chinas Anti-Korruptionstagebuch zeigt zwei Dinge: Noch immer hat der Krake Korruption das Reich der Mitte fest im Griff. Und Chinas Führung versucht, mit einer knallharten Kampagne eines der ältesten Probleme im Land zu beseitigen. Erst vor wenigen Wochen hat Regierungs- und Parteichef Hu Jintao vor dem versammelten Politbüro erneut gewarnt, die Korruption sei die größte Bedrohung für das Land und seine Entwicklung. „Der Sumpf muss Schritt für Schritt ausgetrocknet werden“, forderte Chinas mächtigster Mann.

Dabei geht es nicht nur um Moral: Die Korruption kostet China jährlich bis zu 15 Prozent der Wirtschaftsleistung, sagt Liao Ran, der China für die Organisation Transparency International analysiert. Bekannt werde ohnehin nur die Spitze des Eisberges.

Chinas wahre Korruption sei gewaltig. Seit 1992 wurde deswegen mehr als eine Million Parteimitglieder bestraft, darunter rund 120 auf Ministerebene. In den vergangenen zwei Jahren sank die Zahl nach offiziellen Angaben zwar. Dennoch gibt es keinen Grund zum Jubeln. „Trotz des Rückgangs bei den Korruptionsfällen insgesamt sind immer mehr höhere Beamte angeklagt“, heißt es bei der Disziplinkommission der Kommunistischen Partei (KP). Ein Problem ist, dass in China Politik und Wirtschaft sehr eng verbunden sind. Oft vergeben Lokalpolitiker Milliardenprojekte und sitzen gleichzeitig im Management der mit Aufträgen bedachten Baufirmen.

Auch Chinas Bergwerke, in denen jedes Jahr Tausende von Arbeitern umkommen, sind ein Beispiel für fragwürdige Doppelrollen. Bei der Untersuchung einer Grubenexplosion in Nordchina stellte sich heraus, dass der Minenbesitzer gleichzeitig Vizedirektor des lokalen Büros zur Kontrolle der Arbeitssicherheit war. Wie eng die Bande der Kader sind, belegte jüngst eine Untersuchung: 2005 hatten 4 878 Lokalfürsten zum Teil millionenschwere Beteiligungen an chinesischen Bergwerken.

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