Serie: Generation Zukunft
Dem Strudel entronnen

Tafadzwa Mukwashi aus Simbabwe hat zu Hause keine Zukunft. Sie schlägt sich mit viel Mut im Nachbarland Südafrika durch.

KAPSTADT. Wieder so ein Tag. Frühmorgens hat sich Tafadzwa Mukwashi bei der Passbehörde in Kapstadt angestellt, Hitze und Gedränge in der Warteschlange ertragen, gehofft, gebangt. Und nun, am Ende eines langen Tages, schmettert man sie wieder ab. Wieder wird es nichts mit der ersehnten Aufenthaltserlaubnis für Südafrika, die vieles erleichtern würde.

Vor zwei Monaten hätte Taf, wie die 23-Jährige meist genannt wird, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft am Kap beinahe begraben und wäre nach Simbabwe zurückgekehrt. Sie wollte zurück in ihre von Staatschef Robert Mugabe verwüstete Heimat, weil sie im Nachbarland überall auf Ablehnung stieß – und weil ihr das Geld ausging. Doch dann trifft sie Roy Bennett, einen simbabwischen Farmer und Oppositionellen, dem Mugabes „Landreform“ alles genommen hat, darunter eine Kaffeefarm und 780 Rinder, und der wegen einer Lappalie ein Jahr in Haft saß. „Roy Bennett hat mich tief beeindruckt“, sagt Taf. „Ich habe großen Respekt vor seinem Mut und seiner Zivilcourage.“ Inspiriert von der Begegnung mit ihm entscheidet sie sich, doch in Südafrika zu bleiben. In Johannesburg, der Wirtschaftsmetropole, will sie einen Neuanfang wagen.

Dabei schien in Simbabwe alles so hoffnungsfroh, als Taf im Dezember 1982 zur Welt kam. Zwei Jahre zuvor hatten Mugabes Freiheitskämpfer die Unabhängigkeit des Landes von den Briten erstritten. Taf gehört also zu den „born frees“, den frei Geborenen. Obwohl Taf, wie sie später eher zufällig erfährt, einer Affäre ihres Vaters entspringt, wird sie zunächst voll in die Familie integriert. Ihre Stiefmutter, eine Krankenschwester, bleibt beim untreuen Vater, der für die halbstaatliche Eisenbahn arbeitet. „Scheidungen sind in Simbabwe für Frauen ein schweres Stigma und bedeuten die totale gesellschaftliche Ausgrenzung“, sagt Taf. „Und wer als Frau allein lebt, gilt schnell als billig oder Schlampe. Ich habe das selbst zu spüren bekommen.“

In der Regierungsschule von Bulawayo, wo die Noten die Sitzordnung bestimmen, sitzt Taf jahrelang stets in der vorderen Reihe. Später geht sie auf eine teure staatliche Mädchenschule. Hier sind Schwarze noch in der Minderheit, doch gehört sie auch hier zu den besten Schülerinnen. Sie liebt Bücher und Französisch, ist Mitglied in einem Debattierclub und singt im Chor.

Lob von den Eltern bekommt sie dennoch nicht. Im Gegenteil: Bis sie 14 ist, muss sie nach der Schule immer direkt nach Hause und darf nicht einmal zu Geburtstagsfeiern gehen. Der Vater ist oft jähzornig und schlägt sie. Taf flieht in eine Scheinwelt, die ihr westliche Fernsehserien vorspiegeln. Um zumindest ab und zu dem strikten Regiment daheim zu entrinnen, engagiert sie sich in der Baptistenkirche, leitet Jugendgruppen, findet neue Freunde – schwarze wie weiße.

Bis zu ihrem 17. Lebensjahr wächst Taf völlig „farbenblind“ auf. Erst der Kommentar einer Missionarstochter, Freundschaften zwischen Schwarz und Weiß seien etwas „Böses“, schärft ihr Bewusstsein für ethnische Unterschiede: „Zum ersten Mal bemerkte ich, dass sich meine langjährige Freundin mir nur wegen ihrer blonden Haare und blauen Augen überlegen fühlte“, sagt sie. Doch Rassismus ist kein weißes Phänomen: Ihre schwarzen Freundinnen hänseln Taf, weil sie mit weißen Kirchenmitgliedern befreundet ist.

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