Serie: Generation Zukunft
In Brasilien entscheidet auch die Hautfarbe

In Brasilien sind die Klassen- und Rassenschranken noch immer hoch. Vor allem für Menschen mit kaffeebrauner Hautfarbe – wie Ronden Nunes de Jesus. Der junge Afro-Brasilianer hat afrikanische Wurzeln - und die standen einem Studium lange im Weg.

SÃO PAULO. Eigentlich wollte er Psychologie studieren. „Um in die Köpfe der Menschen schauen zu können.“ Doch dann wurde es Medizin an der renommierten Föderalen Universität von Bahia in Salvador. Nach einem Jahr Studium weiß Ronden Nunes de Jesus jetzt, auf was er sich spezialisieren will: Innere Medizin. Genauer: Endokrinologie. „Da geht es um Hormondrüsen“, erklärt der 20-Jährige geduldig. „Diabetes, Schilddrüsenentzündungen und eine ganze Reihe komplizierter Krankheiten.“

Ronden lächelt nachsichtig durch seine blaue Mundspange, weil er wieder mal etwas erklären muss, was seine Umgebung noch nie gehört hat. Der junge Brasilianer ist das gewohnt. In Deutschland wäre er ein Hochbegabter: In seinen Schulzeugnissen war eine Zwei plus die schlechteste Note. Er liest heute englische Anatomiebücher, obwohl er nie Englisch gelernt hat – und das in Brasilien, wo selbst die intellektuelle Elite oft nicht mehr als ein paar Brocken Englisch kann. Für die schwierigen Aufnahmeprüfungen an der staatlichen Uni hat er sich alleine zu Hause vorbereitet – nicht wie die Schüler der Privatschulen monatelang in einem teuren Paukkurs.

Doch Hochbegabung allein ist in Brasilien noch lange keine Garantie für eine glänzende Karriere. Dazu sind die Klassen- und Rassenschranken zu hoch. Vor allem für Menschen mit kaffeebrauner Hautfarbe – wie Ronden. Seine Mutter Glória Nunes de Jesus wäscht Autos in der Peripherie der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt Salvador. Sieben Tage die Woche, nur sonntags nimmt sie sich schon ab 14 Uhr frei. In guten Monaten – wenn es wenig regnet – bringt sie knapp 250 Euro nach Hause.

Dass Ronden heute Medizin studiert, hat er auch einem historischen Glücksfall zu verdanken: Erst seit drei Jahren haben einige öffentliche Universitäten in Brasilien Quoten für Afro-Brasilianer eingeführt. Das hört sich harmlos an, ist gesellschaftspolitisch aber eine Bombe: Denn obwohl Brasilien nach Nigeria das Land mit der größten Afro-Bevölkerung weltweit ist, studieren an den guten, öffentlichen Universitäten, die zudem noch kostenlos sind, überwiegend Jugendliche der hellen Mittel- und Oberschicht. Nur Schüler, die an den teuren Privatschulen vorbereitet werden, haben eine Chance, sich für einen staatlichen Studienplatz zu qualifizieren. Absolventen öffentlicher Schulen sind meist chancenlos.

Die Quotenregelung, die bald in ganz Brasilien verbindlich gelten soll, sorgte für Aufruhr: Dozenten befürchten, dass das akademische Niveau sinken wird. Intellektuelle kritisieren die Diskriminierung unter umgekehrtem Vorzeichen. Die weiße Mittelschicht schimpft, weil sich die Aussichten auf einen Studienplatz für ihre Kinder verschlechtern.

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