Serie: Generation Zukunft
„Little Britain“ nach dem Gebet

Fareena Alam ist eine von 1,6 Millionen Muslimen in Großbritanien. Sie trägt ein Kopftuch und betet fünf mal täglich – trotzdem fühlt sich die 27-Jährige als Britin. Als Chefredakteurin eines muslimischen Magazins wirbt sie für ein gegenseitiges Verständnis über die kulturellen Grenzen hinweg.

LONDON. Vielleicht wird sie mal Kinder haben und mit allem aufhören. „Vielleicht schon bald“, sagt Fareena Alam und lacht mit ihrem runden, freundlichen Gesicht, das ganz von dem dunklen Hijab, dem Kopftuch, eingerahmt ist. Aber wirklich überzeugt klingt es nicht, auch wenn der Gedanke für sie Befreiung verheißt: „Oft wache ich morgens auf und wünsche, ich müsste nicht Aktivistin sein“, sagt sie. „Ich bin wirklich müde.“ Und das mit 27 Jahren.

Fareena Alam ist eine von 1,6 Millionen Muslimen in Großbritannien. Und als Chefredakteurin des muslimischen Magazins „Q-News“ ist sie zugleich eines ihrer Sprachrohre. Zu dem verabredeten Treffen in einem chinesischen Restaurant kommt sie zu spät. Sie müsse noch eine Buchbesprechung zu Ende schreiben, textet sie entschuldigend aufs Handy. Als Chefredakteurin mag sie einen großen Titel tragen. Aber um im teueren London überleben zu können, muss sie jede Arbeit annehmen. 60 000 Leser erreicht ihr Magazin monatlich, doch leider hat es kaum Anzeigen. „Aber ich kam nicht nach Großbritannien, um reich zu werden, sondern um frei zu sein“, erklärt Fareena.

Fareena ist Britin von Geburt und Britin, weil sie es will. Weil sie in London geboren wurde, hat sie die britische Staatsbürgerschaft. Aber kurz nach ihrer Geburt zogen ihre bengalischen Eltern nach Singapur, wo sie aufwuchs. Als sie sich für eine der beiden Staatsbürgerschaften entscheiden musste, fiel ihre Wahl auf das Land, das sie eigentlich nur von Verwandtenbesuchen kannte: „England ist ein Land, wo man alles sein kann, was man will.“

In Singapur fing sie an, das Kopftuch zu tragen und organisierte Demonstrationen gegen französischen Atomversuche am Muroroa Atoll. So bekam sie die autoritären Seiten des Regimes zu spüren. Ein paar Monate vor dem 11. September 2001 traf sie in London ein, gerade 21 Jahre alt. Eine Woche später rief sie bei „Q-News“ an und bat um einen Job.

Würde sie als Muslimin nicht lieber in einem islamischen Staat leben? „Nein“, sagt Fareena ohne lange zu überlegen. „Warum sollen Muslims in muslimischen Ländern leben, wenn sie der Welt so viel zu bieten haben: Humanität, Toleranz, Mitgefühl? Es hat einen Grund, dass ich im Westen geboren bin. Es hat einen Grund, dass ich im Westen lebe. Gott hat es so gewollt.“

Früher fühlte sie sich als Weltbürgerin und Muslimin. Heute lehnt sie dieses Selbstbild als „Wattedenken“ ab. Sie ist Britin. Und Muslima. Im Heer der männlichen muslimischen Verbandsoffiziellen ist Fareena praktisch die einzige junge Frau im Königreich, die in der öffentlichen Debatte als Muslimin in Erscheinung tritt – im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen. Die Artikel in „Q-News“ lesen sich wie eine Gebrauchsanweisung für das tägliche Leben in Großbritannien, obwohl ein Drittel der Leser keine Muslime sind: Welchen prominenten Gelehrten können Muslime heute noch Glauben schenken? Soll ich meine Kinder auf eine religiöse Schule schicken? Hat muslimische Musik das Zeug, einen Hype auszulösen wie die Hits auf MTV? Wann immer Fareena ihre Stimme erhebt, wirbt sie um Verständnis für Muslime. Auf Muslimveranstaltungen unter Muslims wirbt sie um Verständnis für die westliche Gesellschaft.

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