Serie: Generation Zukunft
Traum vom Aufstieg

Santosh Kumar kommt aus der Mitte des Elends – und taucht nun in die glitzernde IT-Welt Indiens ein. Ihm ist es egal, ob Kommilitionen aus höheren Kasten und reichen Familien ihn akzeptieren. Der 20-Jährige will seinen Weg gehen.

PATNA. In Delhi und Bombay debattiert Indiens Elite darüber, ob es 30 oder 50 Jahre dauern wird, bis die Wirtschaft ihres Landes die der USA einholt. In Dumari ist von dem Boom, der die Zukunftsaussichten von Millionen Indern aufhellt, nichts zu spüren. Das Dorf in Bihar, dem Zentrum von Indiens Armutsproblem, ist eines von tausenden im ganzen Land, für deren Bewohner Zukunft oft nur bedeutet, den nächsten Tag zu überstehen. Die wenigsten können hier lesen. Die meisten gehören zu benachteiligten Kasten in einem Gesellschaftssystem, das seit Jahrhunderten die soziale Herkunft zementiert und den Aufstieg in höhere Schichten verhindert. Viele Kinder, die zwischen Dumaris Hütten herumrennen, zeigen Anzeichen von Unterernährung: streichholzdünne Beinchen und aufgedunsene Bäuche. Übergroß wirken ihre Augen in den mageren, vor der Zeit gealterten Gesichtern.

Als Kind sah Santosh Kumar ähnlich aus: „Wenn die Ernte schlecht ausfiel, hatten wir nicht genug zu essen“, erinnert sich der 20-Jährige. „Ich hatte oft Hunger.“ Doch sein Leben steht vor einer radikalen Wende. Nächste Woche beginnt Santosh ein Studium, als erster im gesamten Bezirk – und nicht an irgendeiner Hochschule: Er hat die Aufnahmeprüfung an einem Indian Institute of Technology (IIT) geschafft. Nur einer von 1 000 Kandidaten wird an den sieben Eliteuniversitäten genommen. Fast alle bereiten sich bei teuren Repetitoren ein Jahr lang auf die Prüfung vor. Die meisten stammen aus der Oberschicht und von Privatschulen.

Santosh ist eine seltene Ausnahme. Aber dank eines eisernen Willens und privater Initiative gelingt immer mehr Vertretern „rückständiger“ Kasten wie ihm der Sprung zu besserer Bildung. Der Traum der indischen Mittelschicht von Wohlstand und sozialem Aufstieg ist für den drahtigen, kräftig gebauten Kleinbauernsohn plötzlich zum Greifen nah: „Dass ich es auf eine Spitzenuni schaffe, war lange bloß ein frommer Wunsch“, gibt er zu. „Aber ich habe hart dafür gekämpft, ihn wahr zu machen.“

Der schweigsame, nachdenkliche Junge ist seines Glückes eigener Schmied. Dumaris Dorfschule hat weder ein Dach noch eine Tafel, und die Lehrer machen ständig blau. Das ist üblich in Indien: Einer Studie der Weltbank zufolge erscheint einer von vier Staatsschullehrern nicht zum Dienst. Zwei von drei Viertklässlern können keine einfachen Sätze lesen. „Ich musste mir von reicheren Kindern Bücher leihen und habe mir das meiste zu Hause selbst beigebracht“, erzählt Santosh.

Zu Hause, das ist ein Backsteinhäuschen mit zwei Räumen: In einem schläft die Großfamilie auf einer Holzplanke. Aus dem zweiten sickert Jauche von einem Ochsen und einem Büffel. Die Tiere sind zusammen mit einem halben Hektar Ackerland der einzige Besitz der Familie.

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