Serie: Generation Zukunft
Unbequemer Gast in Russland

Natalie Morari ist ein Kind des zerfallenen Sowjetreichts. Moldawische Staatsbürgerin und zugleich überzeugte Moskauerin. Seit dem Beginn ihres Studiums an der renommierten Lomonossow-Universität in der russischen Hauptstadt engagiert sie sich für ein besseres Russland – und gerät immer häufiger in Konflikt mit dem Staat.

MOSKAU. Schnellen Schrittes steuert Natalia Morari auf ihr Büro zu. Es wird wohl eines der letzten Male sein. Groß und prächtig erhebt sich der Sitz der „Open Russia Foundation“ in der Kolpatchij pereulok in Moskau. Videokameras überwachen die ruhige Seitenstraße im Stadtzentrum. Wachen stehen vor dem alten Palais. Anfang Juli musste die Stiftung des inhaftierten Oligarchen Michail Chodorkowskij, die sich für die Bürgerrechte einsetzt, unfreiwillig ihre Arbeit einstellen. Die Konten wurden auf Anordnung der Behörden eingefroren. Natalia muss sich nun nach einer neuen Aufgabe umschauen. Bei „Open Russia“ hat sie ein Jahr lang als Freiwillige Aktionen begleitet, viel über Projektmanagement gelernt. Jetzt hilft sie noch ein wenig abwickeln, bevor sie nach Hause zu ihrer Mutter in die Ferien fährt.

„Ich hoffe, sie lassen mich wieder zurück“, sagt die 22-Jährige. „Sie“, das sind die russischen Behörden. Natalias Zuhause liegt in Moldawien, in Russland ist sie nur Gast – und wahrscheinlich nicht einmal ein gern gesehener. Denn seit sie vor vier Jahren an der Moskauer Lomonossow-Universität ihr Soziologiestudium begann, hat sich Natalia engagiert. „Politisch“ – könnte der russische Staat sagen und ihr die Einreise verweigern. „Gesellschaftlich“ – sagt sie selbst. Mit Politik will sie eigentlich nichts zu tun haben.

Natalia redet schnell, sie kämpft mit ihren Haaren. Ihr Handy klingelt und summt, ihr Englisch ist geschliffen. In ihrem schlichten Kostüm sieht sie aus wie eine junge Geschäftsfrau. Nur weniger geschminkt.

Als sie nach der Schule wie die meisten ihrer Klassenkameraden den Weg aus Moldawiens Hauptstadt Kischinau nach Russland zum Studium antritt, ist ihr Kopf voller erhabener Bilder und Erwartungen: „Die Leute in Moldawien schauen zu Russland auf.“ Und nicht nur dort. Für viele Menschen in den ehemaligen Sowjetrepubliken ist Russland und speziell Moskau der Dreh- und Angelpunkt ihres Universums, eine Verheißung von Wohlstand und Chancen. Sie kommen als Studenten, Bauarbeiter, Geschäftsleute. Viele kommen illegal. Schätzungen gehen von bis zu sechs Millionen Zuwanderern aus, die nicht „registriert“ sind.

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