Serie: Generation Zukunft
„Wir sind im Nahen Osten ein Fremdkörper“

Liav Hertsman lebt in Tel Aviv. Die 26-Jährige kennt die Angst vor Raketen und Selbstmordattentätern – und glaubt doch fest an den Frieden. Ein Portrait.

TEL AVIV. Kaum hat Liav Hertsman in dem Tel Aviver Straßencafé Platz genommen, dreht sich das Gespräch auch schon um die Politik. Das lässt sich nicht vermeiden in Israel – einem Land, in dem jeder täglich mit existenziellen Fragen konfrontiert ist. Während Liav hier ihren Eiskaffee schlürft, gehen im Norden des Landes erneut mehrere Dutzend Katjuscha-Raketen nieder. Zwei Menschen sterben. Im Süden landen etwas harmlosere Kassam-Geschosse, die zuweilen aber auch töten. Und in einer Vorstadt von Tel Aviv ist gerade ein Selbstmordattentäter gefasst worden. Er wollte ins Zentrum, um möglichst viele Israelis umzubringen.

Sieht die Jugend eine Zukunft, wenn ringsum die Gewalt dominiert? Liav antwortet ganz spontan: „Das fragen sich in der Tat viele.“ Auch die 26-Jährige macht sich schon seit langem Gedanken über ihre Heimat. Und sie ist dabei zu einem – für Israelis überraschenden – Schluss gekommen: „Wir sind im Nahen Osten ein Fremdkörper“, sagt sie geradeheraus. Der Staat sei ein Projekt jüdischer Europäer im Nahen Osten, er sei weder kulturell noch politisch in der Region integriert. Auch wenn sie mit dieser Meinung unter ihren Landsleuten ziemlich alleine dasteht, bleibt sie dabei: „Die Araber sehen uns als temporäres Phänomen, das sich irgendwann lösen wird.“ Das Misstrauen sitze tief, auf beiden Seiten. Sollten eines Tages die Schutzschilder der USA und Europas wegfallen, „müssen wir alle schwimmen lernen“, befürchtet Liav.

Sie sagt das nicht leichtfertig. Auch nicht aus Hass gegenüber Arabern. Im Gegenteil, sie kennt sich gut aus mit der arabischen Kultur. An der Universität Tel Aviv studierte sie Orientalistik und Medienwissenschaften. Dabei lernte sie auch klassisches Arabisch, was ihr aber für den Plausch mit den arabischen Nachbarn in deren Muttersprache nicht hilft. „Leider“, sagt Liav. Bald möchte sie auch die arabische Umgangssprache lernen, am liebsten an einer Universität in Kairo. Sie hatte das eigentlich schon nach ihrem zweijährigen Militärdienst als Armeesprecherin geplant, doch die Intifada machte ihr einen Strich durch die Rechnung. In dieser Situation als Israelin in Ägypten? Lieber nicht.

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