Serie: Hinter der Fassade
Die Russen leben riskant – und ziemlich kurz

Russland hat seine Gesundheitsausgaben in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt - doch das Geld fließt ohne Plan. Hinzu kommt, dass russische Ärzte meist hervorragende Spezialisten sind, die jedoch nur ihr Gebiet wirklich beherrschen. Vorsorge und Aufklärung bleiben auf der Strecke. Diese Defizite schlagen sich auch in der erschreckend geringen Lebenserwartung wieder.

MOSKAU. Wer in Russland krank wird, geht gewöhnlich gleich ins Krankenhaus. Kein Land der Welt hat eine so hohe Dichte von Hospitälern pro Kopf – ein Erbe der Sowjetunion. Wenn der Leidende die Kraft hat, sich in das zuständige Klinikum zu schleppen, muss er erst entscheiden, welchen Spezialisten er sehen will. Dann beginnt das Warten, das Bezahlen und nicht selten eine Odyssee von einem Spezialisten zum nächsten.

Grundsätzlich steht jedem Russen kostenlose medizinische Versorgung zu. Doch trotz deutlich erhöhter Ausgaben für das Gesundheitswesen müssen die meisten Bürger tief in die Taschen greifen, wenn sie eine Behandlung brauchen. Das Indem-Institut schätzt, dass die Patienten 2005 rund 400 Mill. Dollar für Bestechung ausgegeben haben. Kein Wunder, wenn die schlechte medizinische Versorgung immer wieder als eines der Top-Probleme des Landes genannt wird.

Dabei hat sich etwas getan: „Es gibt Verbesserungen in der Versorgung mit Medikamenten für chronisch Kranke“, sagt Kirill Danischewski von der Moskauer Sechenow-Akademie. Auch mache sich bemerkbar, dass mehr Mittel in moderne und neue Geräte für die Kliniken fließe. „Doch im Prinzip pumpt die Regierung nur viel Geld ins System, ohne Plan“, so die bittere Erkenntnis des Experten. Wenn man die zusätzlichen Ausgaben in Betracht ziehe, müsse man gar zum Schluss kommen, dass die Gesundheitsversorgung schlechter geworden sei, meint Danischewski.

In den vergangenen Jahren hat der Staat seine Ausgaben für Gesundheit auf sieben Mrd. Dollar mehr als verdoppelt, gemessen an den Gesamtausgaben sind dies aber nur 3,4 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht ein vernünftige Niveau bei fünf Prozent. Eines der zentralen Probleme ist der Mangel an gut ausgebildeten Allgemeinmedizinern. Russlands Ärzte sind hoch spezialisiert, niemand vermag daher aber den Gesamtzustand eines Patienten zu beurteilen. Gesundheitsberatung, Aufklärung oder Vorsorge bleiben auf der Strecke, was zu einem Vormarsch von Krebs, Herzerkrankungen und Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Hepatits C und HIV geführt hat.

Diese Defizite schlagen sich auch in der erschreckend geringen Lebenserwartung wieder: Nur 42 Prozent der heute lebenden 20-jährigen Männer haben statistisch eine Chance, das 60. Lebensjahr zu erreichen. Zum Vergleich: in Deutschland liegt die Rate bei 83 Prozent. Hauptverantwortlich sind nach Meinung von Experten exzessiver Alkohol- und Tabakgenuss. Während in vielen Industrieländern immer weniger Bürger qualmen, nimmt die Zahl der Raucher – vor allem der weiblichen – in Russland zu.

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