Serie: Internationale Organisationen
Die Nato – der verhinderte Weltpolizist

Die Taliban sind auf dem Vormarsch, die Zahl ziviler Opfer nimmt zu, auch westliche Militärs beklagen hohe Verluste: Die Probleme in Afghanistan werfen auch ein Schlaglicht auf den traurigen Zustand der Nato. Doch Konsequenzen lassen auf sich warten. Erst nach der US-Wahl will das Bündnis eine neue Strategie entwerfen.

BRÜSSEL. Es sollte ein netter Besuch unter Freunden werden. Gemeinsam mit seiner Frau Jeannine war Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer Ende Mai auf die Ranch von US-Präsident George W. Bush in Crawford, Texas gereist. Die Stimmung war ausgelassen. Bush schwärmte vom „lovely dinner“, das er mit seinem Gast aus Brüssel hatte – und lobte Scheffers Führungsqualitäten. Im Kampf gegen den Terror, aber auch bei der Modernisierung der Nato sei der 59-jährige Niederländer ein „starker Anwalt“, betonte Bush.

Doch dann verdarben schlechte Nachrichten die gute Laune. Beim Nato-geführten Isaf-Einsatz in Afghanistan waren nicht nur radikale Taliban-Kämpfer, sondern auch viele Zivilisten ums Leben gekommen. Allein in der Provinz Herat starben 57 Dorfbewohner – die Hälfte davon Frauen und Kinder. Plötzlich stand die Nato selbst auf der Anklagebank. Sogar der afghanische Präsident Hamid Karsai protestierte. Scheffer und Bush mussten sich rechtfertigen - aus dem lockeren Plausch unter Freunden war ein Krisentreffen geworden.

Ähnlich könnte es Scheffer gehen, wenn er Mitte September Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin besucht. Denn die Lage in Afghanistan hat sich nicht verbessert – im Gegenteil. Die Taliban sind drei Monate nach dem Mini-Gipfel in Crawford immer noch auf dem Vormarsch. Die Zahl ziviler Opfer nimmt weiter zu, auch westliche Militärs beklagen hohe Verluste. Für Großbritannien, das im gefährlichen Süden des Landes kämpft, hat der Einsatz bereits mehr Todesopfer gefordert als der Irak-Krieg. Und ein Ende ist nicht absehbar.

Die Probleme in Afghanistan werfen ein Schlaglicht auf den traurigen Zustand des Bündnisses. 17 Jahre nach Ende des Kalten Krieges hat sich die Nato in eine Konfliktregion vorgewagt, in der schon die Sowjetunion gescheitert war. Am Hindukusch, so hieß es nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, werde der Grundstein für die neue Allianz des 21. Jahrhunderts gelegt. Als die Isaf-Mission Ende 2001 begann, sah es tatsächlich nach einem viel versprechenden Neubeginn aus. Doch nun stellt sich heraus, dass das Bündnis überfordert ist. Es fehlen nicht nur Soldaten und Transportmittel, es mangelt auch an Abstimmung zwischen den Alliierten.

Die beiden Missionen Isaf und Operation Enduring Freedom (OEF) laufen, obwohl beide von den USA geführt werden, meist aneinander vorbei. Die Zusammenarbeit mit der EU ist gestört, weil sich die Türkei in Brüssel quer legt. Auch untereinander sind sich die Nato-Partner in Afghanistan nicht grün. Die Kanadier schimpfen auf die Deutschen, weil diese Kampfeinsätze meiden. Die Briten liegen mit den Amerikanern im Clinch, weil diese im Anti-Terror-Kampf oft rücksichtslos vorgehen – und so den Wiederaufbau gefährden.

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