Serie Internationale Organisationen
IWF und Weltbank stecken in Existenzkrise

Weltbank und Internationaler Währungsfonds leiden unter einem gemeinsamen Problem: Der weltwirtschaftliche Aufschwung und die Öffnung der Finanzmärkte haben ihr Alleinstellungsmerkmal erschüttert. China und Venezuela machen den globalen Finanzinstitutionen Konkurrenz. Hinzu kommen Korruption und Affären, die Kritikern in die Hände spielen. Teil drei der Handelsblatt-Serie.

WASHINGTON. Die Führungskrise traf die beiden großen globalen Finanzinstitutionen nahezu zeitgleich. Paul Wolfowitz, bis Ende Juni Chef der Weltbank, stolperte über eine Gehaltsaffäre, in die seine Lebensgefährtin verwickelt war. Rodrigo Rato, Managing Director beim Internationalen Währungsfonds (IWF), wirft im Oktober das Handtuch, weil er der Führungsaufgabe überdrüssig ist. Dass beide Abgänge zeitlich zusammenfallen, ist dabei kein Zufall, sondern vielmehr Ausdruck grundsätzlicher Probleme von IWF und Weltbank.

Zwar haben beide unterschiedliche Aufgaben – die Weltbank kümmert sich um Armutsbekämpfung und Entwicklungspolitik, der IWF um die weltweite Finanz- und Währungsstabilität – doch leiden sie unter einem gemeinsamen Problem: Der seit Jahren anhaltende weltwirtschaftliche Aufschwung und die Öffnung der Finanzmärkte haben ihr Alleinstellungsmerkmal erschüttert. Anders als vor zehn Jahren gibt es heute Alternativen. So können sich inzwischen auch wenig solide Schuldner Geld auf den Finanzmärkten beschaffen und müssen nicht notwendigerweise beim IWF anklopfen. Und für die Weltbank gilt, dass auch sie nicht mehr die einzige Geheimorganisation für die Armen rund um den Globus ist. Insbesondere in Afrika macht China als freigiebiger Geldgeber der Finanzinstitution zunehmend Konkurrenz.

In der Vergangenheit waren es regelmäßig wiederkehrende Finanzkrisen etwa in Asien, Russland oder Argentinien, die dafür sorgten, dass niemand an der Notwendigkeit des IWF zweifelte. Heute muss sich der Fonds neue Aufgaben suchen oder mehr als bisher auf seine Kernaufgaben konzentrieren. Vor allem die USA drängen den IWF, stärker als Kontrollinstanz zu wirken und beispielsweise auf größere Transparenz bei den Wechselkursen zu achten. So will das US-Finanzministerium den Fonds schon seit längerem dazu bringen, mehr Druck auf die chinesische Währungspolitik auszuüben. Doch der IWF will sich nicht instrumentalisieren lassen – geht es der US-Regierung doch vor allem darum, ihre negative Handelsbilanz mit China zu beheben, die sie zu einem Gutteil der künstlich unterbewerteten chinesischen Währung zuschreibt.

Die gesunkene Nachfrage nach IWF-Geld hat dabei auch zur Folge, dass sich die Bretton-Woods-Institution nicht mehr alleine aus den Zinsen finanzieren kann, die sie für ihre Ausleihungen bekommt. Nachgedacht wird deshalb über eine etwas risikofreudigere Anlage des Eigenkapitals, das so mehr Erträge erzeugt. Auch wird erwogen, einen Teil der Goldreserven zu verkaufen. Und am Wichtigsten dabei: Der IWF muss mehr als bisher den veränderten weltwirtschaftlichen Gegebenheiten in seiner inneren Struktur Rechnung tragen. Die Stimmrechte müssen neu geordnet werden, aufstrebende Regionen wie Asien werden künftig mehr Anteile bekommen, Europa und Amerika weniger. Um die neue Quotenformel wird bereits seit längerem gerungen. Nur dürfte nun der vorzeitige Abgang von IWF-Chef Rato diesen Prozess noch einmal verlangsamen.

Die Herausforderungen, denen sich die Weltbank stellen muss, sind nicht weniger groß, aber vielleicht etwas leichter zu fassen. Unter ihrem neuen Präsidenten Robert Zoellick muss die Bank sich stärker als zuvor fragen lassen, wie effizient sie eigentlich arbeitet. Dabei geht es sowohl um den tatsächlichen Nutzen der ausgegebenen Gelder als auch die Bekämpfung der Korruption. Denn die Zahl jener Empfängerländer von Weltbankmitteln, die als korrupt gelten, hat sich in der Vergangenheit nicht etwa verringert, sondern ist trotz aller Bemühungen mindestens gleich geblieben.

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