Serie: Main Street, USA
Route 66: Am Anfang eines langen Winters

Der Mythos Amerikas hat einen Namen: die Route 66. Wir sind ihre 4000 Kilometer von Chicago bis L.A. gefahren, um Amerikas Puls vor der Präsidentenwahl zu fühlen. Entstanden ist das Porträt einer verängstigten Nation – Teil 1: Arbeitslos in Chicago.
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CHICAGO. Seine Geburtstagstorte hat er schon vor ein paar Wochen ausgesucht – mit Glasur in Rot und Blau drauf und Bären aus Zuckerguss, den Maskottchen seines liebsten Baseballvereins, den Chicago Cubs. Die Torte, ein paar Flaschen Limonade und eine Thermoskanne Kaffee will er an jenem Tag im September mit zur Arbeit nehmen, um mit den Kollegen auf seinen 60. Geburtstag anzustoßen. Danach möchte er ein wenig früher als sonst Feierabend machen, um eine kleine Party zu Hause vorzubereiten. William Bennett hatte sich schon einiges überlegt, was er für seine Gäste kochen wollte. Doch aus all den Plänen wurde nichts.

Keine Torte, keine Arbeitskollegen mehr, kein Geld, um eine Party zu feiern. Bennett weiß noch nicht mal, wie er seine Miete bezahlen soll. „In drei Tagen ist sie fällig“, sagt er, „langsam wird es eng.“

Deshalb steht der Mann heute hier im Arbeitsamt von Chicago-Pilsen im Südwesten der Millionenstadt. Einst war Pilsen das größte böhmisch-tschechische Viertel der USA, heute leben hier überwiegend Einwanderer aus Mexiko. Bennett lehnt sich an die dunkle Holzvertäfelung in der kargen Halle. Er wartet. Gerade hat er einen Antrag auf Arbeitslosengeld ausgefüllt – zum ersten Mal in seinem Leben.

Amerikas Arbeiter haben den Blues. Wer Bürgern wie William Bennett die Angst vor dem sozialen Abstieg nimmt, hat die besten Chancen, am 4. November zum neuen Präsidenten gewählt zu werden.

Vor vier Wochen hat Bennett seinen Job bei einer Wohnungsgesellschaft verloren. Dort arbeitete er als Anstreicher, Schreiner, Elektriker – er machte, was erledigt werden musste. Für knapp zehn Euro pro Stunde. „Ein Weißer hätte deutlich mehr bekommen als ich, aber mit Überstunden bin ich gut über die Runden gekommen“, sagt er.

Nun ist William Bennett einer von knapp 370000 Menschen im Großraum Chicago, die arbeitslos sind. Die Arbeitslosenquote in der Hauptstadt des Mittleren Westens liegt bei 7,1 Prozent und damit noch über dem Landesdurchschnitt von 6,1 Prozent, einem neuen Fünfjahreshoch. In den USA sind 9,4 Millionen Menschen ohne Arbeit. Allein in diesem Jahr wurden 605000 Jobs vernichtet. Und je länger der Tsunami über die Finanzmärkte braust, desto mehr werden es noch werden.

US-Präsident George W. Bush hat damit beste Chancen, als einer der Präsidenten mit einer miserablen Jobbilanz in die Geschichtsbücher einzugehen. Schlechter war nur Herbert Hoover, in dessen Amtszeit mehr Jobs verlorengingen als neue entstanden. Und Hoover musste das Land durch die Weltwirtschaftskrise in den 30er-Jahren führen, bevor Franklin Roosevelt übernahm.

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