Serie: Main Street, USA
Route 66: Die anderen Früchte des Zorns

Der Mythos Amerikas hat einen Namen: die Route 66. Wir sind ihre 4 000 Kilometer von Chicago nach L.A. gefahren, um Amerikas Puls vor der Präsidentenwahl zu fühlen. Es entstand das Porträt einer verängstigten Nation. Teil 3: Warum viele Bürger in Oklahoma City anders mit der Angst vor Terror umgehen.

OKLAHOMA CITY. Irgendetwas fehlt hier. Marmor, bernsteinfarbener geäderter Marmor. Er reicht vom Boden bis zur Decke. Die Wand daneben ziert nackter roter Klinker. Edel kommt die Eingangshalle dieses Museums daher, aber auch nüchtern und kühl. Hinter einer wuchtigen Theke verkaufen zwei Frauen Eintrittskarten, dahinter lockt der Souvenirshop mit Postern und T-Shirts.

Hier fehlt doch etwas. Ungehindert dürfen die Besucher zu den Aufzügen gehen, die sie in die oberen Etagen bringen. Es gibt keine Sicherheitsschleusen hier, im Oklahoma City National Memorial Museum. Keine Geräte, die Taschen durchleuchten. Keine Schließfächer, um Rucksäcke aufzubewahren. In diesem Museum ist es so wie früher, als der Terror Amerika noch nicht erfasst hatte.

Kari Watkins möchte es so. "Wir müssen uns unsere Freiheit bewahren, so gut es geht", sagt die Direktorin des Museums. Deshalb hat sie darauf verzichtet, Röntgenapparate aufzubauen wie am Flughafen und den Museumseingang in eine Hochsicherheitszone zu verwandeln wie in so vielen anderen Gebäuden in den USA, in denen täglich Hunderte ein- und ausgehen. Es gibt zwar Kameras in Watkins' Museum, aber sie fallen nicht auf. "Wir dürfen nicht in Panik verfallen", sagt Watkins, "und es mit den Sicherheitsmaßnahmen übertreiben."

In Oklahoma City sind das ungewöhnliche Worte, in einer Stadt, in der am 19. April 1995 die Angst vieler Amerikaner vor Terrorismus geboren wird. Da explodiert an einem sonnigen Mittwoch vor einem Bürohaus mitten in Oklahoma City eine Autobombe. Die Detonation beschädigt 300 Gebäude, tötet 168 Menschen und verletzt 850.

Die USA erleben den größten Terroranschlag ihrer Geschichte - ein Vorspiel auf den 11. September 2001. Es ist dieser verheerende Angriff auf das Alfred-P.-Murrah-Gebäude in Oklahoma City, ein paar Blocks südlich der Route 66, der vielen Amerikanern erstmals bewusst macht, wie ohnmächtig eine Supermacht sein kann.

Eine gewaltige Welle der Angst erfasst das Land. Präsident Bill Clinton verspricht: "Wir werden die, die das getan haben, finden." Und weiter: "Diese Menschen sind Killer, und sie müssen wie Killer behandelt werden." Er hält sein Versprechen (siehe: "Bill Clinton"). Ihre Furcht jedoch, die werden die Amerikaner seither nicht mehr los. Und unter Präsident George W. Bush wurde das Schüren der Angst zu einem perfiden Mittel der Politik.

Wenn 200 Millionen Amerikaner am 4. November Bushs Nachfolger wählen, dann entscheiden sie nicht nur zwischen dem Demokraten Barack Obama und dem Republikaner John McCain, zwischen zwei Wirtschaftsprogrammen und zwei Staatsphilosophien. Sie entscheiden auch über eine Politik, die der Angst mit Gewalt begegnet. Stimmen sie für McCain, wird sie wohl fortgesetzt. Wählen sie Obama, möchten sie sie endlich beenden. Im Irak und anderswo.

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