Serie: Mein 11. September
"Barfuss aus der Apokalypse"

Die Anschläge vom 11. September 2001 brannten sich tief ins Gedächtnis der Menschen. Die damalige Handelsblatt-Korrespondentin in New York, Gertrud Hussla, schildert, wie sie den Tag erlebte.
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Geknallt hat es in dieser Umgebung immer mal. Jede Menge Baustellen, unten donnerte der West Side Highway vorbei. Doch diesmal sah ich trotzdem von der Arbeit auf. Wir hatten unser Büro im südlichsten Gebäude des Financial Centers, die Türme des World Trade Centers standen direkt vor unseren Fenstern.

Aus mehreren Stockwerken des Nord-Turms quoll dicker schwarzer Rauch, tausende weiße Papierzettel flatterten auf den Platz unter den Türmen, wo noch die kleine, weiß gekalkte griechisch-orthodoxe St. Nicholas Kirche stand. Mehrere der dort aufgereihten Limousinen brannten. Ich blickte wieder zur Explosionsstelle, dachte an die Menschen, die dort eingeschlossen sein mussten. Ich informierte die Kollegen in Düsseldorf.

Aus der Lautsprecheranlage tönte die Stimme des Hausmeisters. Es gebe keinen Grund zur Panik, wir seien hier sicher und könnten unsere Arbeit fortsetzen. Ich schrieb sogar noch ein paar Zeilen.

Dann der zweite Knall. Der zweite Turm brannte. Jetzt war alles klar. "Das ist kein Unfall, das ist Absicht", rief ich noch einmal die Redaktion an, "ich gehe." Im Treppenhaus waren schon hunderte Angestellte aus den oberen Büros unterwegs.

Unten sprach ich mit Zeugen. Ein Limousinenchauffeur hatte gerade noch eine Gruppe Menschen zum Geschäftsfrühstück im "Windows of the World" abgeliefert. Dem Restaurant im 107. Stock des Nordturms, unter dem es zuerst brannte. Seine Stimme versagte fast: "Die sind jetzt dort oben."

Zwei Frauen aus dem Südturm waren erst wieder zurück in die Büros geschickt worden und dann noch einmal geflüchtet. Ich ließ mir alle Namen buchstabieren, mitten unter den brennenden Türmen. Dann suchte ich den Weg Richtung Ufer. Im nahen Batterie-Park erzählte eine Frau, auch das Pentagon brenne, ein Flugzeug sei noch unterwegs.

Krieg. Den Einsturz des Südturms nahm ich wie einen Film wahr. Ich warf mich unter einen Mauervorsprung im Park, um mich vor möglichen Trümmern zu schützen. Eine dicke Wolke rollte auf uns zu, es wurde finster, Schiffe tuteten, um nicht ineinander zu stoßen.

Ich überlegte, ob ich ins Wasser springen sollte, um schwimmend noch an Luft zu kommen. Da beruhigte mich eine Stimme: "Es ist nur Staub, kein Rauch, Du kannst noch atmen."

Menschen rannten ziellos hin und her. Ich entschloss mich einfach nur zu gehen: Weg von hohen Gebäuden, immer am Wasser entlang. Bloß keine Subway.South Ferry, Schnellstraße FDR-Drive.

Tausende wanderten jetzt mit mir. Es war immer noch finster. Ich fing wieder an, Notizen zu machen. Neuer Donner, entfernte Schreie, das musste der zweite Turm gewesen sein.

Erst auf Höhe der Brooklyn Bridge wurde es wieder Tag. Ich blickte zurück: Beide Türme waren verschwunden.

Mein Handy funktionierte wieder. Ich gab meine Eindrücke und alle Namen durch. Dann lief ich den ganzen Weg bis nach Hause, zum nördlichen Ende des Central Parks. Auf der Sixth Avenue zog ich meine hohen Schuhe aus, die letzten sechs Kilometer legte ich barfuß zurück.

Lesen Sie hier mehr persönliche Erinnerungen zum 11. September 2001 von Handelsblatt-Korrespondenten sowie Prominenten aus Politik und Wirtschaft.

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