Serie: Mein 11. September
„Dann kam eine Assistentin mit bleichem Gesicht herein“

Die Anschläge vom 11. September 2001 brannten sich tief ins Gedächtnis der Menschen. Wirtschaftsforscher Hüther rechnete mit dramatischen Folgen für die Konjunktur.
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Es war ein ganz gewöhnlicher Tag. Ich hatte als Chefvolkswirt routinemäßige Besprechungen im Kreis der Kolleginnen und Kollegen, wobei die Frage im Mittelpunkt stand, ob es nicht erste Anzeichen für eine konjunkturelle Wende zum Besseren gebe, zumal auch die Finanzmärkte Beruhigungstendenzen aufwies. Dann kam eine Assistentin mit einigermaßen bleichem Gesicht herein und informierte uns über die schrecklichen Neuigkeiten.

Wir gingen zur Presseabteilung, um das Unfassbare irgendwie durch Bilder greifbar zu machen. Es hat kaum jemand gesprochen, die Bedrückung war mit Händen zu greifen. Glauben konnte es so recht niemand. Völlig unklar waren mir die denkbaren Folgen dieser schrecklichen Ereignisse. Klar schien nur, dass einerseits die Finanzmärkte über eine dramatische Verunsicherung auf Talfahrt geschickt würden und andererseits ein militärischer Gegenschlag der Vereinigten Staaten drohte.

Im Büro machte sich eine lähmende Stimmung breit. Angesichts solcher Drohpotenziale für die zivilisierte Welt musste noch ganz anderes möglich erscheinen. Die Rückkehr zur Arbeit war kaum möglich, es schwer die Gedanken zu ordnen. Alsbald verließen wir die Bank, wo wir in der 41. Etage untergebracht waren, und ich gebe zu, durchaus mit mulmigem Gefühl. Für den nächsten Morgen schien uns die Zeit gekommen, erste Überlegungen über die ökonomischen Folgen dieses 11. September anzustellen.

Doch am Abend dieses Tages war ich mehr denn je froh und dankbar, im Kreise der Familie zu sein. Zuhause haben wir die weitere Berichterstattung verfolgt, so langsam rundete sich das Bild. Wir haben nicht versucht, unseren damals vierjährigen Sohn diese Informationen vorzuenthalten, es wäre angesichts der Gespräche im Kindergarten am nächsten Morgen unrealistisch und sinnlos gewesen. So versuchten wir, das Geschehene einzuordnen, aber unsere tiefe Erschütterung und Verunsicherung nicht auf ihn zu übertragen.

Lesen Sie hier mehr persönliche Erinnerungen zum 11. September2001 von Handelsblatt-Korrespondenten sowie Prominenten aus Politik und Wirtschaft.

Kommentare zu " Serie: Mein 11. September: „Dann kam eine Assistentin mit bleichem Gesicht herein“"

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  • Einfach schrecklich diese Bilder. Und man denkt dann wieder an die Bilder aus den alten Geschichtsbüchern.

    Bombennächte in Dresden, HH

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