Serie: Mein 11. September
„Ich saß im 34. Stock des Eurotowers“

Die Anschläge vom 11. September 2001 brannten sich tief ins Gedächtnis der Menschen. Der damalige EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing saß im 34. Stock des Eurotowers als die Sekretärin eines Kollegen in sein Zimmer stürmte.
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FrankfurtAm Nachmittag des 11. September 2001 saß ich an meinem Schreibtisch im 34. Stock des Eurotowers. Plötzlich stürmte die Sekretärin meines Kollegen Eugenio Domingo Solans ins Zimmer und rief mir in einem wie mir schien hysterischen Anfall zu, ich solle sofort den Fernseher einschalten. Das Bild zeigte ein Flugzeug, das in einen Wolkenkratzer raste und explodierte. Unverständnis wurde bald durch Fassungslosigkeit abgelöst. Beim Blick über den oberen Rand des Bildschirms sah ich wie immer Flugzeuge im Landeanflug auf den Frankfurter Flughafen. Zwangsläufig schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Von dort bis zum Eurotower würde es wohl keine 3 Minuten dauern.

Als zudem bekannt wurde, dass eine Maschine mit unbekanntem Ort und Ziel unterwegs war, galt die Sorge der Sicherheit unserer Mitarbeiter. Die anwesenden Mitglieder des Direktoriums beriefen ein Meeting mit den führenden Mitarbeitern ein. Sehr bald zeichnete sich Übereinstimmung ab, alle Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Für den folgenden Tag verabredeten wir ein Treffen in der Frühe um 5 Uhr. Obgleich inzwischen eine Anordnung der Hessischen Landesregierung vorlag, alle Hochhäuser an diesem Tag zu schließen, entschieden wir für die EZB – die als quasi exterritoriale europäische Institution handelte – mit „business as usual“ fortzufahren. Es war aber jedem Mitarbeiter freigestellt, ohne weitere Angaben von Gründen nach Hause zu gehen.

Gleichzeitig galt es für die EZB, möglichen Marktturbulenzen vorzubeugen. Deswegen stellten wir in einem Schnelltender, wie er in unserem Instrumentarium vorgesehen war, den Märkten ausreichend Liquidität zur Verfügung. Diese Operation wurde am darauf folgenden Tag wiederholt. Am dritten Tag hatten sich die Märkte wieder vollständig erholt; es bestand keine Nachfrage mehr nach diesen Operationen. Dazu hatte auch beigetragen, dass es uns gelungen war, trotz technischer Schwierigkeiten ein Swap-Abkommen mit der Fed zu vereinbaren, um eine Lücke in der Dollarliquidität der Banken zu schließen.

Lesen Sie hier mehr persönliche Erinnerungen zum 11. September2001 von Handelsblatt-Korrespondenten sowie Prominenten aus Politik und Wirtschaft.

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