Serie: Mein 11. September
„Ich war selbst in einem Wolkenkratzer – in Tokio“

Die Anschläge vom 11. September 2001 brannten sich tief ins Gedächtnis der Menschen. DGB-Chef Michael Sommer hielt sich in Japan auf und bewohnte ein Zimmer im 35. Stock eines Tokioter Hotels.
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Als die Flugzeuge in das World Trade Center rasten, war ich selbst gerade in einem Wolkenkratzer – in Tokio. Ich war auf Dienstreise und während in New York gerade die Sonne aufging, war sie in Tokio schon untergegangen. Ich bin mit Kollegen abends noch in die Hotelbar gegangen, um den langen Tag gemütlich ausklingen zu lassen.

In der Bar standen zwei Bildschirme: Auf dem einem flimmerte ein Standbild des Pentagon, auf dem anderen sah man die Türme des World Trade Centers. Der Ton war aus und die Bauchbinden mit japanischen Schriftzeichen, die fast den halben Bildschirm bedeckten, halfen auch nicht weiter. Einer der Türme brannte und während wir auf den Bildschirm schauten, krachte ein Flugzeug in den zweiten Turm.

Wir hatten keine Ahnung, was das sollte. Ein Kollege fragte mich, was das denn für ein Spielfilm sei. Für uns sah alles nach Hollywood aus. Dass es sich um reale Bilder eines grauenvollen Terroranschlags handelte, kam uns nicht in den Sinn.

Nichtsahnend bin ich dann in mein Hotelzimmer gegangen. Wahrscheinlich wäre ich ebenso nichtsahnend eingeschlafen, wenn ich nicht auf Dienstreisen immer noch meine Frau anrufen würde. Von ihr erfuhr ich dann, was passiert war. Ich war schockiert und meine Frau war besorgt, weil mein Zimmer im 35. Stock des Hotels lag – man wusste ja nicht, was noch kommt.

Die ersten Auswirkungen der Terroranschläge bekam ich dann auf dem Flughafen zu spüren. Die Sicherheitskontrollen wurden massiv verschärft, überall waren Sicherheitskräfte und natürlich hatte ich ein mulmiges Gefühl. Ich musste ein Flugzeug besteigen und was gestern noch ein normales Verkehrsmittel war, galt plötzlich als potenzielle Waffe.

Auch die ersten Tage nach meiner Rückkehr standen ganz im Zeichen der Terroranschläge. Es gab Sondersitzungen, mögliche Szenarien wurden durchgespielt, Undenkbares war plötzlich denkbar. Ich hatte damals dasselbe Gefühl wie wohl die meisten Menschen weltweit: Nach diesem Tag bleibt nichts, wie es vorher war.

Lesen Sie hier mehr persönliche Erinnerungen zum 11. September2001 von Handelsblatt-Korrespondenten sowie Prominenten aus Politik und Wirtschaft.

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