Serie: Mein 11. September
„Und dann die grauenhaften Bilder vom Einsturz des ersten Turms“

Die Anschläge vom 11. September 2001 brannten sich tief ins Gedächtnis der Menschen. Der Menschenrechtsbeauftragte Löning konnte das Geschehen zunächst nicht einschätzen – bis der zweite Flieger einschlug.
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„Markus, komm schnell rüber, da ist was in New York passiert.“ Im Besprechungsraum unserer Agentur standen die Kollegen und starrten fassungslos auf den Fernseher. Immer wieder wurden die Bilder vom Einschlag des Flugzeugs in den Turm des World Trade Center gezeigt. Die Kommentare waren verwirrend, keiner wusste was los ist. Keiner konnte das Geschehene einschätzen.

Umso größer das Entsetzen, als der zweite Flieger einschlug. Damit war sofort klar, dass es kein Unfall sondern es ein geplanter Anschlag war. Mit den Nachrichten von der entführten Maschine und dem Einschlag in das Pentagon wurde das Entsetzen immer größer. Die Arbeit, Termindruck, Kundenanrufe, alles was sonst in einer Agentur oberste Priorität hat, war plötzlich ohne Belang.

Wie gebannt verfolgten wir die verschiedenen Newskanäle und versuchten aus dem Fernseher ein Maximum an Informationen und Einschätzungen zu quetschen. Aber da war kaum was. Am schlimmsten fand ich die entsetzlichen Bilder von kleinen Figuren, die in höchster Verzweiflung aus schwindelnder Höhe in den Tod sprangen. Und dann die grauenhaften Bilder vom Einsturz des ersten Turms. Das Wissen, dass dort tausende mit dem Turm in die Tiefe stürzten. Menschen, die wie wir, morgens ganz normal zur Arbeit gegangen waren. Die ihre Arbeit liebten oder hassten, die einen guten oder schlechten Tag hatten.

Wann genau sich bei mir das Gefühl breit machte, dass dies ein Anschlag auf uns, auf „den Westen“, auf unsere freie und liberale Gesellschaft war, weiß ich nicht mehr. Aber es wurde ziemlich schnell klar. Das Gefühl kam ganz tief aus dem Bauch, noch bevor die Fakten, wirklich deutlich wurden. Ich empfand den Anschlag in New York als einen Anschlag auf mich, auf meine persönlichen Einstellungen zu einer freien Gesellschaft.

Und ich fühlte mich den Amerikanern auf eine ganz natürliche Art verbunden. Im Moment des Angriffs auf unsere Werte gab es – so pathetisch das klingen mag – für mich keinen Zweifel, dass wir Deutschen und Europäer genauso gemeint waren.

Lesen Sie hier mehr persönliche Erinnerungen zum 11. September2001 von Handelsblatt-Korrespondenten sowie Prominenten aus Politik und Wirtschaft.

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